Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
395
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLV/ 94, Wien 1991, 395-414

Chronik der Volkskunde

Maja Bošković- Stulli Herderpreisträgerin 1991

Die jugoslawische Herderpreisträgerin des Jahres 1991, die kroatischeVolkskundlerin Maja Bošković- Stulli, darf in vielerlei Hinsicht als Symbolfür die neue Situation angesehen werden, vor die sich diese nun auf 28 Jahrefruchtbaren Wirkens zurückblickende Institution angesichts der verändertenpolitischen Gesamtsituation gestellt sieht, steht sie mit ihrer Person undihrem Lebenswerk doch sowohl für die frühere als auch für die aktuelle Lageund erweist sich so als eine Art Klammer zwischen zwei historischenPhasen. Überdies ist sie als ein durch die Verbrechen des Hitler- Regimesunmittelbar und zutiefst betroffener Mensch eine Zeugin für die menschli-che Fähigkeit, vergangene Ungerechtigkeit zu vergeben und die persönlichen Rache- und Sühneansprüche vor einem übergreifenden höheren Zielzurücktreten zu lassen.

Maja Bošković wurde am 9. November 1922 in Osijek in Slawo-nien/ Kroatien als Tochter jüdischer Eltern in eine Beamtenfamilie hinein-geboren, die bereits 1923 nach Zagreb übersiedelte. Dort erhielt die Tochterihre ganze schulische Ausbildung und machte auch im Kriegsjahre 1941 ihrAbitur. Dies war aber vorerst der letzte Anlaß zur Freude, denn die deutscheBesatzung ihrer Heimat sollte ihre Familie restlos zerstören: Sowohl dieSchwester Magda als auch ihre Eltern wurden von den Schergen des DrittenReiches interniert und als Kommunisten bzw. Juden wenig später umge-bracht- Verbrechen, die bis heute nicht gesühnt sind. Maja Bošković gelangdann 1942 die Flucht nach Ragusa, wurde aber wenig später von denItalienern auf der Insel Lopud, anschließend auf der Insel Rab interniert.Aber mit dem italienischen Faschismus ließ es sich ja bekanntlich imVergleich zum deutschen Nazismus recht gut leben, und so gelang dennMaja Bošković die Flucht. Bereits während ihrer Internierung hatte sie sicheiner illegalen Jugendbewegung angeschlossen, und nun ging sie zu denjugoslawischen Partisanen, in deren Reihen sie bis 1945 aktiv blieb.

Die Politik sollte sich aber auch auf ihrem weiteren Lebensweg immerwieder als unerfreulicher Störfaktor bemerkbar machen. Maja Boškovićschrieb sich nach Kriegsende vorerst an der Universität Zagreb für dasStudium der jugoslawischen und russischen Literatur ein, wechselte aberbereits 1946 an die Universität Kazan( UdSSR), wo sie bis 1948 ihre Studienim Bereich der russischen Sprache und Literatur weiterführte. Der Krachzwischen Stalin und Tito und der daraus resultierende Bruch des Kominform