Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
367
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLV/ 94, Wien 1991, 367-389

Die mährische Identität: Dimension und Konflikt deshistorischen Bewußtseins

Von Václav Frolec

Über Mähren und seine Bewohner wurde bereits viel diskutiert,man diskutiert darüber noch immer und wird es offensichtlich nochweiter tun. Im Vordergrund der sogenannten mährischen Frage stehtdas Problem der Identität, in der die Beziehung zur eigenen Geschich-te verankert ist. Es ist dies auch eine Frage der Dimensionen deshistorischen Bewußtseins und seiner psychischen und kulturellenAspekte. Das Mährertum wird in der historischen Betrachtung alsKomplex eines mährischen politischen Landespatriotismus aufge-faßt, der über den Rahmen des Landespatriotismus hinausgeht undideologischen Charakter annimmt.' Im heutigen Kontext verstehenwir das Mährertum als Bekundung des mährischen Bewußtseins, zudem das subjektive Streben der Bewohner nach einer besonderenmährischen Identität mit einigen ethnozentristischen Tendenzen, ins-besondere mit einer positiven Selbsteinschätzung, gehört. Die mäh-rische Identität äußerte sich in der historischen Zeit in verschiedenenFormen und Dimensionen, deren Analogien wir auch anderswo vor-finden.

Die Identifizierung mit der Landschaft

Im Slowakischen bedeutet der Ausdruck morava einen feuchten,grasbestandenen Platz². Sind die Mährer Nachkommen uralter Be-wohner solcher Orte? Oder gaben solche Landschaften Anstoß zurBenennung unseres Flusses Morava( March), aber auch gewisserWasserläufe in anderen Ländern Mittel- und Südosteuropas; wurdealso die Bevölkerung nach dem Fluß benannt? Der Charakter derLandschaft im Einzugsgebiet der Flüsse March und Thaya entspricht

1 Válka, J.: Moravanství v 15. století. In: Sborník prací filosofické fakultybrněnské university, historische Reihe, C 31, 1984, S. 146.

2 Machek, V.: Etymologický slovník jazyka českého. Praha 1971, S. 373.