Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV XLV/ 94

stenz an einer absurden Grenze" und dokumentieren damit eine Lebenser-fahrung, die heute, keine zwei Jahre nach jenem legendären 9. November,aus der Geschichte und dem kollektiven Gedächtnis bereits gelöscht zuwerden droht und deren vorschnellem Verdrängen die Autoren mit diesenAufzeichnungen einen Riegel vorschieben wollen.

Die Palette der gebotenen Texte reicht von Gedichten bis zu Verneh-mungsprotokollen, von freien Interviews bis zu komponiert abgefaßtenBerichten, und spannt chronologisch den Bogen von der frühen Besatzungs-zeit und dem stetig vorangetriebenen Ausbau der Linie zwischen den Zonenzur sperranlagenbewehrten Barrikade bis in die Tage der Öffnung und desAbbaus der Grenzanlagen. Ihre Sujets, von den Herausgebern zu themati-schen Schwerpunkten zusammengefaßt, dokumentieren das Grenzland un-ter verschiedensten Gesichtspunkten: Sie zeigen die Grenze als Tatort", indem so manche illegalen Grenzgänger Opfer auch nicht behördlich sanktio-nierter Gewaltverbrechen wurden, und sie führen uns an die absurdeGrenze", jenen offiziellen Schauplatz einer deutschen Realsatire", in derrigider Bürokratismus, verbissene Prinzipientreue und widersinnige, Verhal-tenserstarrungen zuweilen skurril- kuriose Auftritte des Allzumenschlichenextemporierten; sie führen uns die Gefahren und Abenteuer illegaler und Schwarzer Grenzübertritte vor Augen, wie sie auch von westlicher Seite ausunterschiedlichsten Motiven- von der erwerbsmäßig betriebenen Fluchthilfebis zum Husarenstück des individuellen Protests- nicht selten unternommenwurden, und sie beleuchten das Verhältnis zum Grenzpersonal, das von einemdurch Bestechungen oder kleine Geschäftemacherei geförderten modus vivendiebenso geprägt war wie von eisigem Haß und Verachtung des als, 150prozen-tigen Deutschen und Verräter gebrandmarkten Vopos.

In summa eines jener volkskundlichen Bücher, das nicht ausschließlichden strengen Auflagen der Wissenschaftlichkeit gehorcht, sondern aucheinem breiteren, über die Fachgenossenschaft hinausgehenden Publikumallgemein verständliche und anregende Lektüre bieten will; für die Aufnah-me in beiden Leserkreisen ist ihm Erfolg zu wünschen.

Herbert Nikitsch

Charlotte OBERFELD( Hrsg.), Wie alt sind unsere Märchen?(= Veröf-fentlichungen der Europäischen Märchengesellschaft, 14). Regensburg,Erich Röth, 1990, 252 Seiten.

Die Frage des Titels erweckt die Gegenfrage, was hier unter unsere zuverstehen sei. Wenn man dann etwa- einen fraglos sehr guten- Beitrag überbrasilianisches Märchengut findet, versteht man den Titel noch weniger.Und wenn sonst das Inhaltsverzeichnis eines Sammelbandes Aufschluß überdas konkret angestrebte Thema gibt, so kommt man hier bei der Durchsichtzu keinem klaren Ergebnis. Doch ist es vielleicht nötig, zuerst eben dieses