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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLV/ 94
greß- Vorträgen, aus den Jahren zwischen 1985 und 1990, in einem stattli-chen, leider ohne weltsprachliche Zusammenfassung gebliebenen Bandeben jetzt in dieser für ihre Heimat und für ganz Jugoslawien so bitteren Zeitvorgelegt. Es geht, um dies wenigstens aus der Fülle anzudeuten, umTraditionen aus Alt- Dubrovnik( Legenden, Schwänke, ungerechte Richter,Jahresfeuer, Türkengefahr, koleda- Singen, Feier des Stadtpatrons Sv. Vlaho= St. Blasius u.ä.). Tradiertes Erzählen in der Stadt. Mündliches und Schrift-fixiertes in der so reichen, nur„ bei uns“ so gut wie nicht bekanntenliterarischen Kultur der Kroaten. Um Schwankgeschichten um den„ PopenKujiš“ im Stil unseres Stricker( 13. Jahrhundert), des„ Pfaffen vom Kahlen-berg"( Mitte 15. Jahrhundert), des Florentiners Don Arlotto( 1396 – 1484)eben nun auch in der kroatischen( fast) Gegenwart mit markanten Aussprü-chen wie Drastisch- ,, Natürlichem" des Pfarrers aus Vis( Lissa) und Hvarbzw. Brač. Aufsätze wie über AA Th 921 B= die„ Geschichte vom bestenFreund und vom bösesten Feind"(= Hund und eigene Frau); über„ kollek-tiven( Tyrannen-) Mord", anschließend an Lope de Vega„ Fuente Ovejuna“( 1619) mit der Frage nach dem„ Historischen“ wie nach„ kollektiver Erhe-bung“, Solidaritäts- Ausbrüchen usw. Es geht ferner um Hexen und ihreVerfolgung in Kroatien( von Zagreb/ Agram 1382 bis Dalmatien 1749). DieBeispiele serbischer, kroatischer, aber auch gesamtbalkanisch begegnender„ Phantastika" zielen, ausgehend von Sagen( kazivanja), auf das, was manin der französischen Literatur von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zu G.de Maupassant( † 1893) als„ Kompensation zum Exzeß des Rationalismus“bezeichnet hatte. Ein zum„ Volkslied" gewordener Partisanengesang vonder Mutter, die ihren toten Sohn an den Gräberreihen des Kordon( Militär-grenze) sucht, von ihm angesprochen wird, erstmals gedruckt 1944, wirdanalysiert aus der Leidensgeschichte der Südost- Völker im Zusammenhangmit einst religiös motivierten Themenprägungen. Beobachtungen zu Nieder-schriften des kroatischen Dichters Ivan Mažuranić( 1814- 1890) über vonihm als Student 1836 in Dalamtien( Novi Vinodolski) aufgezeichnete Volks-lieder beschließen den auch für unser Anliegen einer„ Vergleichenden( vorallem den Südosten gebührend mit einschließenden) Volkskunde“ willkom-menen Band einer auch bienenfleißigen Gelehrten.
Leopold Kretzenbacher
Andreas HARTMANN, Sabine KÜNSTING( Hrsg.), Grenzgeschichten.Berichte aus dem deutschen Niemandsland. Frankfurt/ Main, S. Fischer Ver-lag, 1990, 382 Seiten.
Mit dem sogenannten„ Eisernen Vorhang" wurde vor rund vier Jahrzehn-ten eine staatspolitische, ideologische und wirtschaftliche Demarkationsli-