Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
305
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1991, Heft 3

Literatur der Volkskunde

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Edoardo GELLNER, Alte Bauernhäuser in den Dolomiten. Die ländlicheArchitektur der venetianischen Alpen. München, Verlag D. W. Callwey,1989, 289 Seiten in Groß- 8°, reich ausgestattet mit Farbfototafeln, SW- Fo-tos, Rissen und Zeichnungen, Plänen und Karten.

Der Autor und Gestalter dieses ungewöhnlich opulenten Bandes lebt alsArchitekt in Cortina d'Ampezzo, beschäftigt sich u.a. seit 40 Jahren mitRaumplanung und mit der architettura spontanea vornehmlich des Bell-unese und der venetianischen Alpen. Seine Alten Bauernhäuser in denDolomiten verdecken mit diesem Aufhänger ein wenig den Originaltitel,, Architettura rurale nelle Dolomiti Venete( Edizioni Dolomiti, 1988). Sieverraten indessen, daß es dem Verfasser hier wohl um ein ricupero delpatrimonio edilizio e tipologie essistenti in seiner ihm selbst unmittelbarvertrauten alpinen Kulturlandschaft geht. Vielen ist ja diese Ostflanke derDolomiten mit den rechtsseitigen Zuflüssen und Gebirgstälern am oberenPiavelauf weniger bekannt. Nur das mondäne Cortina im malerischenBecken des Ampezzo hat Namen. Die stilleren Hochtäler und tief einge-schnittenen Gräben mit dem betriebsameren Unterland" bis hin vor Longaroneund Belluno, im Zoldano und Agordino etwa, durchmessen die meisten überdie Strada d'Alemagna auf eiligem Weg zur einstigen Serenissima vonVenedig, die hier seit 1404 Herrschaft, Handel und Wandel betrieb.

Im Schatten der Dreitausender des Monte Cristallo über den Antelao,Monte Pelmo und die Civetta bis hinab zum Piz di Mezzodi, der Mittagspitzevon Agordo und Rivamonte, reicht das Gebiet, um das es Gellner hier geht-rund 30 Kilometer tief und über 80 Kilometer lang. In seiner Eigenart undanthropogenen Ausprägung ist dieses gewiß nicht weniger vielfältig undzugleich originell als viele andere Landschaften der Südalpen vom fernenPiemont bis zur angrenzenden Carnia Friauls und zu den Juliern des Kanal-tales und Sloweniens.

Doch zu Beginn schon formuliert der Autor selbst den Satz: Die vene-tianische Alpenregion oder, genauer gesagt, diejenige, die der Menschmitgestaltet hat, ist ein trügerisches Terrain. Das läßt aufhorchen; und wasE. Gellner in der Tat an meisterhaften Fotos, graphischem Aufwand undArgumenten im Text aufbietet, verdient Beachtung, auch wenn man viel-leicht nicht allem ganz wird folgen können. Der in dieses Buch investierteArbeitsaufwand ist dabei enorm: nach eigenen Angaben wurden rund 650Bauten vermessen und graphisch bearbeitet, von denen 410 eingearbeitetsind und mehrfach auch mit Details in Abbildungen erscheinen. Das Ergeb-nis könnte man am ehesten und etwas locker als eine Symbiose des know-how" eines Facharchitekten mit viel und gesundem volkskundlichem Ge-spür umschreiben. Gellner kennt Aufgabe und Ziel seiner Darstellung nichtnur aus der Perspektive seiner italienischen Fachkollegen sondern auch von