Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLV/ 94, Wien 1991, 232-258
Bemerkungen zur Stadt- und Arbeiterkulturforschung inÖsterreich
Ein Lagebericht aus volkskundlich- kulturwissenschaftlicher Sicht*
Von Wolfgang Slapansky
Beiden im Titel meines Referates genannten Themenbereichen, derStadtkulturforschung wie auch der Arbeiterkulturforschung, ist einesgemeinsam: Nach wie vor stellen sie in der Gesamtheit des Facheseine Minderheit dar. Denn betrachtet man die Fülle an volkskundli-cher Literatur, die in den letzten Jahren erschienen ist, so dominierentraditionelle Kanonthemen, vielfach plakativ und dekorativ abgehan-delt. Wenngleich in den letzten zehn bis fünf zehn Jahren erheblicheFortschritte in den genannten Themenbereichen verzeichnet werdenkonnten, so bleibt ein kritischer, kulturwissenschaftlicher Ansatz alsunabdingbare Voraussetzung zur Analyse kultureller Zusammenhän-ge in unserem Fach noch im Hintertreffen, besonders was den Bereichder sog. volkskundlichen Praxis betrifft. Dies scheint kein Zufall zusein, denn noch immer wird ein Gutteil der volkskundlichen Arbeitenvon bildungsbürgerlichen Interessengruppen dominiert, die aus ihrergesellschaftlichen Position heraus wenig daran interessiert sind, Pro-zesse der Kultur in ihrer Widersprüchlichkeit und Komplexität einerkritischen Analyse zu unterziehen. Ein Faktum, das sich besondersdeutlich in jenen Bereichen des Faches zeigt, in denen der vielzitierteParadigmenwechsel nur zögernd nachvollzogen wurde. Insbesonderegilt dies für die nach wie vor vorhandenen Bestrebungen zur Repro-duktion althergebrachter Klischees, die wiederum durch die spezifi-sche Erwartungshaltung der Öffentlichkeit ihre Legitimation erfah-ren, die wohl ausschließlich dazu dienen sollen, das„ Wahre" und,, Gute", bisweilen das„ Fromme“, jedenfalls das„ Ursprüngliche“ im
* Erweiterte Fassung eines Referats, gehalten am 10. September 1990 in Mariborim Rahmen des Symposiums„ Kultur und Lebensweise der Bevölkerung inIndustriegemeinden und-städten", veranstaltet von der Abteilung für Ethnologieder Philosophischen Fakultät der Universität Ljubljana und dem LandesmuseumMaribor.