Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band XLV/ 94, Wien 1991, 117-127
Die Würde des Radfahrens
Der Vorteil des Fahrrades, der Radfahrer als Feldforscher und derWandel der Ausrüstung
Von Roland Girtler
Persönliche Vorbemerkung
Das Fahrrad ist für mich kein bloßes Sportgerät, sondern es ist alsFortbewegungsmittel die logische und humanistische Kontradiktionauf die Irrationalität und den Wahnsinn des Autos. Es seien mir daherein paar persönliche Bemerkungen zum Auto gestattet. Der Menschhat seine Welt dem Auto unterworfen und das Auto scheint dieHerrschaft über den Menschen angetreten zu haben. Die Identifika-tion des Menschen mit diesem Gerät, an dessen Erfindung und Erzeu-gung satanische Luft beteiligt gewesen sein mag, stimmt traurig. Werdas Auto beleidigt, beleidigt den Besitzer. Das Auto wurde zu einemheiligen Instrument und für den wackeren Autoeigentümer sind dasregelmäßige Säubern und Polieren des Autos so etwas wie heiligeSalbungen.
Im Gebrauch des Autos zeigt sich die Unvernunft und das Unglückeiner Kultur, in der das Töten auf der Straße zur Selbstverständlichkeitwurde und die Zerstörung von Luft und Erde ignoriert wird. Wohl hatdas Auto für gewisse Berufsgruppen, Behinderte und Menschen, diezum Beispiel in der Wüste oder zwischen Felsen wohnen, oder dorthinwollen, Sinn und Zweck. Es kann sogar Segen bringen. Aber esscheint das Unglück, das mit dem Auto verknüpft ist, immer größerzu werden. Es ist daher an der Zeit, das Auto nicht bloß verbal zukritisieren und über seinen Wahnsinn zu reden, sondern sich von ihmzu trennen, denn die meisten Zeitgenossen würden auch ohne Autoauskommen. Ich meine sogar, daß das Auto nicht jene Freiheit ver-mittelt, die man anpreist. Im Gegenteil. Ich habe vor ca. sechs Jahrenmein Auto verschenkt. Seitdem fühle ich mich als freier Mensch, derzufrieden von sich behaupten kann, Menschen, Tiere und Umwelt zuschützen.