Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
97
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band XLV/ 94, Wien 1991, 97–116

Kneipen als städtische Soziotope

Zur Bedeutung und Erforschung von Kneipenkulturen

Von Ueli Gyr

Was Kneipen und Kneipenleben ist, weiß jeder: der gelegentlicheKneipengänger wie der Zufallsgast, der notorische Stammgast wieder Kneipenabstinent. Sie alle haben eine Vorstellung von dem, wassich in öffentlichen Trinkgaststätten abspielt, auch wenn unterschied-liche Motive sie dorthin bewegen oder davon abhalten. Eine ersteallgemeine Auffassung deutet die Kneipe als Trinkort und Institution,die den Alkoholkonsum und alle damit gegebenen Begleiterscheinun-gen begünstige und fördere. Die Kneipe zieht demnach insbesondereAngehörige von sozialen Unterschichten oder Subkulturen an, darun-ter Alkoholiker, Heimatlose, unverheiratete Erwachsene, Vereinsam-te, Randseiter und Gestörte. Sie fänden sich allabendlich in ihremLokal, wo Trinken und Trinkzwang, Alkoholismus, Männerkumpaneiund Enthemmung dominierten, um Existenzängste, Alltagsfrust, Sor-gen und Probleme im Schutz der Kneipengesellschaft wirksam undregelmäßig wegzuspülen.

Neben dieses Bild schiebt sich ein zweiter Vorstellungskomplex,der sich von kneipenspezifischer Schummrigkeit, dürftiger Innenaus-stattung, Alkoholausschank, beengender Nähe, Lärm, Gestank,Schmutz, komischen Leuten und Anrüchigkeit abhebt. Die negativenKonnotationen werden abgedämpft oder umfunktioniert. Im Bedeu-tungsfeld von Restaurant, Wirtshaus, Gasthof, Biergarten, Brasserie,Pub, Bar, Schenke, Taverne, Spelunke und anderen möglichen Typenvon Lokalitäten bezieht die Kneipe als kleines und einfaches Bier-und Weinlokal, oft mit Eẞgelegenheit, eine andere und eigene Kontur:Geselligkeit, Tradition, idyllische Feierabendgemütlichkeit, Familia-rität, Vertrautheit, Stammgastambiance und Kneipenpoesie stehen imMittelpunkt. An diesem Trinkort Kneipe, in der Schweiz Beiz, inÖsterreich Beisl" und in Frankreich bistrot" genannt, spielt auch all