Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
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1991, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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sich bereits eine Analyse bzw. Gruppenzugehörigkeit ergibt. Von in einerimmer wiederkehrenden Ordnung stehenden festen Bestandteilen werden jenach Kloster und Landschaft ergänzende Texte zugeordnet; durch sie wirdeine Differenzierung der sonst stark übereinstimmenden Texte erreicht, unddamit regionale Abhängigkeiten festzustellen ermöglicht. Ein Zeilenkom-mentar sowie Errataverzeichnisse dienen im wesentlichen der Erörterungvon Interpretationsfragen im Rahmen der Textgeschichte.

Dem Verlag, dem Herausgeber und nicht zuletzt dem Bearbeiter LotharMundt ist es zu danken, daß die Lipphardtsche Edition mit diesem wertvol-len Kommentar zu einem Abschluß gebracht werden konnte.

Leander Petzoldt

Hans- Jörg UTHER( Hrsg.), Märchen vor Grimm. München, Eugen Die-derichs Verlag, 1990, 341 Seiten.

Der Titel dieses Buches ist ein wenig unscharf, denn es handelt sich nichtgrundsätzlich um Texte märchenartigen Inhalts, die vor der Erstausgabe derKHM gedruckt worden sind, sondern um Vorformen und Vorläufer derGrimmschen Märchen schlechthin. So umfaßt der Band ein Weniger und einMehr. Einerseits enthält die Sammlung eine Reihe von Texten, die bis zueinigen Jahrzehnten nach der Geburt der 1. Ausgabe von 1812 erschienensind etwa Uthers Nr. 68 nach Haltrich 1856- andererseits bleibt der gesamteBereich der von den Grimm nicht erfaßten Motive unberücksichtigt.

Die Beschränkung auf die KHM war zweifellos eine kluge Maßnahme,nur hätte angedeutet werden sollen, daß es sich um eine auf die Grimm vollkonzentrierte Auswahl handelt. Man könnte sagen: Uther hat aus reicherErfahrung und Kenntnis eine Anthologie zu Bolte/ Polívka geboten. Einesolche Auswahl ist wichtig und richtig.

Objektive Kriterien für ein solches Werk gibt es nicht und kann es kaumgeben. So bleibt die Wahl stets subjektiv. Ein Bild vermag man lediglich ausder Summe der Details zu gewinnen. Uther mag hier besser informiert seinals der Schreiber dieser Zeilen. Ob das dominierende Übergewicht seinerTexte, die zu circa 80% aus dem Mitteleuropäischen stammen, dem entspre-chen, was auch in der Blickrichtung der Grimm gelegen hat, ist möglich,jedoch schwer zu beurteilen.

Der Rezensent bedauert, daß beispielsweise der Süden Europas, aus demviel in die gedruckte Tradition des europäischen Märchens geflossen ist, nurrelativ schwach berücksichtigt wird. Straparola ist mit einem, Basile mitzwei Texten vertreten. Morlini kommt nur in recht unzureichenden Überset-zungen zum Zuge. Sarnelli fehlt ganz.

Aber andere Räume, wie etwa der iberische Bereich, sind überhaupt nichtgenannt, obwohl auf Umwegen und französischen Vermittlungswegen man-ches in den Sammelbereich der Grimm geflossen ist.