52
Herbert Nikitsch
ÖZV XLV/ 94
derts konstatiert er die Bevorzugung des„ Flinserls" 15 in( klein) bür-gerlichen Gesellschaftskreisen, in denen vor allem im Biedermeierder Ohrschmuck weit verbreitet war. Auch in meiner Auswahl erfreutsich das Flinserl mit 53% der weitaus größten Beliebtheit vor demRingerl( 32%) und dem Anhänger( 15%). Im einzelnen variiert dasErscheinungsbild: Das Flinserl ist von unterschiedlicher Größe, sil-bern, golden oder mit Diamant/ Glas, Türkis und dergleichen besetzt;beim Ring reichen die Abmessungen vom dünnen, gerade das Ohr-läppchen umschließenden, bis zu dickeren Reifen mit bedeutenderemUmfang, der( allerdings nur in Ausnahmefällen) einen Durchmesserbis zu zwei Zentimeter haben kann; beim Gehänge ist großer Spiel-raum gegeben, vom billigen Tand bis zum Familienerbstück ausGroßmutters Schmuckkästchen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß vieleBefragte angaben, im Laufe der Zeit ihren Ohrschmuck gewechselt zuhaben, woraus man schließen kann, daß dessen Art von untergeordneterBedeutung ist; wie mir überhaupt- sieht man vom Ohrgehänge ab, dasselbstverständlich schon rein optisch hervorragt und unter UmständenRückschlüsse auf die Attitüden des Trägers gestattet¹6- die Wahl derSchmuckart von eher geringer Aussagekraft zu sein scheint.
Anders verhält es sich mit dem Modus der Befestigung, demStechen. Hier erkundigte ich mich, ob die kleine Operation selbst bzw.von Freunden und mit einfachen Mitteln( Nadel) oder von befugterStelle( Arzt, Juwelier) und mit entsprechenden Apparaten vorgenom-men wurde. 57,5% gaben an, das Ohr selbst durchstochen oder diesvon einem Freund/ Freundin erbeten zu haben, wobei meist eine mitSchnaps, Hitze oder gar nicht desinfizierte Nadel und ein hinter dasOhrläppchen gehaltener Korken verwendet worden war( vereinzeltwurde auch eine Art Anästhesie mittels Eiswürfel erwähnt). 42,5%überließen sich einem Juwelier oder Arzt und deren sicherem, schuß-
15 Flinserl„ kleine, runde mit einem Loch versehene Metallschuppen, das Lichtreflektierend; Flitter; Ohrschräubchen“. Mhd. vlins„ Steinsplitter“, nhd. Fliese undengl. flint„ Feuerstein“ sind verwandt( vgl. Julius Jakob: Wörterbuch des WienerDialekts. Wien 1929 und Peter Wehle: Sprechen Sie Wienerisch? Wien 1980). Imweiteren wird mit„ Flinserl“ alles, was nicht Ring oder Gehänge ist, bezeichnet;feinere Differenzierungen(„ Schräuferl“ u. dgl.) werden nicht berücksichtigt.16 Der Großteil jener, die ein Ohrgehänge trugen, waren von eher eigenwilligemÄußeren, doch läßt die geringe Zahl der Beispiele hier kein weiteres Urteil zu.