Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
Seite
47
Einzelbild herunterladen
 

Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band XLV/ 94, Wien 1991, 47-61

Der Männerohrschmuck im heutigen Wien

Ein Nachtrag

Von Herbert Nikitsch

I

Im folgenden werden die Ergebnisse einer kleinen Umfrage überden Männerohrschmuck mitgeteilt, die ich 1985 in studentischenBelangen durchgeführt habe. Seinerzeit wurde ich von der Leiterinder betreffenden Lehrveranstaltung, Univ.- Prof. Hörandner, auf dasThema hingewiesen und mit dem Rat ins Feld geschickt, von vorhan-dener Literatur und bisherigen Deutungen des Phänomens bei seinerRecherche tunlichst abzusehen- ein an sich nicht unproblematischerVorschlag, der jedoch mit der späteren Lektüre des einschlägigenSchrifttums immer plausibler wurde: Diese ist- vor derzeitigen Hal-tungen und für zeitgemäße Fragen- nur von beschränkter heuristi-scher Bedeutung.

Die Frage nach dem Männerohrschmuck klingt ja nicht nur dessenTrägern oft verwunderlich. Auch einer Humanwissenschaft, die aufder gegenwärtigen Höhe der kulturellen Situation sein will, scheintsie wenig angemessen. Ihre neuerliche Behandlung ist so auch nur alskleine Reverenz vor einem sich allmählich doch in der volkskundli-chen Disziplin durchsetzenden Paradigmenwechsel gedacht und alsVersuch, die Thematik unter dieser veränderten Perspektive in einneues Bild zu rücken; auch auf die Gefahr, daß in diesem dannvielleicht weniger zu sehen ist, als der frühere Standpunkt eines mitder Zeit überdenkenswert gewordenen Kanons suggerierte.

Vor über vierzig Jahren hat Leopold Schmidt in seiner recht breitangelegten Monographie den Männerohrring vor dem Schicksalbewahrt, weiterhin zu den am wenigsten bemerkten Volkskulturgü-tern" ¹ zu zählen. Damals war jenes Schmuckstück, das in manchen

1 Leopold Schmidt: Der Männerohrring im Volksschmuck und Volksglauben mitbesonderer Berücksichtigung Österreichs(= Österreichische Volkskultur, Bd. 3).Wien 1947, S. 12.