1991, Heft 1
Trotz aller Ungunst der Zeit“
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ebenso früh Ideal und Realität miteinander verschmelzen ließ. DieserAntrieb war selten ein rein äußerer, sondern bezog seine Dynamik ausder Wechselwirkung von Fremd- und Eigenwahrnehmung. Die Fragenach angeblich, echt' oder, unecht', nach sogenannter Volkskulturoder Folklorismus stellt sich nicht, wenn die Geschichte der Emblem-funktion von Trachten bedacht wird. Wo die Grenze zwischen Bildund Kleidungsstück, zwischen Projektion und Realie verläuft, istnicht bestimmbar. Zwei Beispiele, die durchaus eigener Detailstudienwert wären, mögen dies verdeutlichen.
Erstens: Durch das gesamte 18., 19. und teilweise noch in unseremJahrhundert kam der Saisonarbeit im Montafon eine wichtige Rollezur Existenzsicherung zu..72 Neben der Arbeit als Bauhandwerker,Sensenhändler und landwirtschaftliche Hilfskräfte zogen alljährlichvor allem Männer als Krautschneider in streng abgesteckte ReviereÖsterreich- Ungarns, Deutschlands und Nordwesteuropas, um Krauteinzuschneiden.„ Den weitverbreitetsten Ruf jedoch hat der Monta-foner, Krautschneider'. Die Kunst des Einmachens von Sauerkohlund Rüben vererbt sich dort vom Vater auf den Sohn, gleichwie dieKundschaft in den weiten Landen bis an's Meer, und solch einVermächtnis wird thatsächlich ebenso als ein wertvolles Erbe ge-schätzt und angerechnet, wie Gut und klingend Geld.❝73
Der Montafoner Krautschneider genoẞ jedoch nicht nur den weit-verbreitetsten Ruf unter den Vorarlberger Saisonarbeitern, sondernwurde ebenso früh zum gern gesehenen Exotikum Glossar ::: zum Glossareintrag Exotikum. Joseph Rohrererwähnt ihn bereits 1796 in seinem Buch„ Uiber die Tyroler"; 74 undwenn seine Popularität auch nicht an die etwa der Zillertaler Hausier-händler und Tiroler Nationalsänger heranreichte, ist doch mit ähnli-chen Verkaufsstrategien zu rechnen.75 Der Krautschneider verkauftenicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine alpine Herkunft und
72 Einen Überblick gibt Kriemhild Kapeller: Saisonwanderung und textile Heimar-beit als notwendige Nebenverdienste( Ein Überblick). In: Österreichische Zeit-schrift für Volkskunde XLIV/ 93, 1990, S. 275- 295; dort auch die weitereLiteratur.
73 Johann Joseph Makloth: Krautschneider aus Montafun, Vorarlberg. In: Lipper-heide( wie Anm. 57), NF 2, 1881, S. 150f.
74 Joseph Rohrer: Uiber die Tyroler. Wien 1796, S. 30.
75 Utz Jeggle, Gottfried Korff: Zur Entwicklung des Zillertaler Regionalcharakters.In: Zeitschrift für Volkskunde 70, 1974, S. 39- 57. Vgl. auch Edith Hörandner:Tracht und Werbung. Signal und Signet. In: Lipp( wie Anm. 3), S. 235- 238, s.v.a. S. 235.