Jahrgang 
94 (1991) / N.S. 45
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1991, Heft 1

Trotz aller Ungunst der Zeit"

häusern hatte schon zu viele Sparpfennige verschlungen.620 Weizen-egger beanstandete, was spätere Generationen als Tracht bestaunten;doch der Vorliebe für teure Stoffe und modische Schnitte bei derjungen Generation einer sich industrialisierenden Gesellschaft hieltWeizenegger die alte, für die überkommene Ordnung stehende Klei-dung entgegen. So hätte ein alter biederer Vorarlberger in seinemSonntagsstaate, der in einem weißgrauen, aus Hanfgarn gewobenen,mit Flanell gefütterten, und bis auf die Knöchel reichenden warmen,vorn zugeknöpften Rocke, Lederhosen, Wollenstrümpfen, genageltenBergschuhen, schwarzem Flor um den Hals, dreispitzem Hute undFäustlingen bei der Rocktasche durchgesteckt, bestand, seine Nach-kommen nicht mehr erkannt, und glauben müssen, sein Bergland habesich in eine Hauptstadt verwandelt." 21

In Weizeneggers 1839 erschienener Landeskunde treten uns aucherstmals jene später zu Stereotypen der Trachtenforschung werdendenFormulierungen wie noch nicht verdrängt worden oder besteht inden Thälern noch größtentheils" entgegen. 22 Die heimische Eliteentdeckt die, alte Tracht' erst, als sie überkommen ist, als grundlegen-de Änderungen des Kleidungsverhaltens in der Folge der gesellschaft-lichen Modernisierungen die gewohnten regionalen Besonderheitenzu verwischen drohen.

Durchaus zwiespältig ist auch die Einschätzung, die der Vorarlber-ger Kreishauptmann Johann Ritter von Ebner in seinen Berichten ausden dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts hinterläßt. ImSinne merkantilistischer Gewerbe- und Industrieförderung mußte ereinerseits selbst an der Hebung einheimischer Luxusproduktion In-teresse haben, andererseits machte er sich Sorgen um die sittlichenFolgen der veränderten Lebens- und Konsumgewohnheiten. Na-mentlich will nun auch das gemeine Volk nicht mehr wie früher mitWollen- und Baumwollzeugen sich zur Kleidung begnügen, sondernsich auch in Seidenzeugen kleiden. Die altherkömmliche National-tracht des weiblichen Geschlechtes verliert sich, die entfernten Sei-tentäler ausgenommen, immer mehr. Wenn es nur noch einige Jahrefortgeht, wird die sogenannte bürgerliche Kleidung in den Städten

20 Franz Josef Weizenegger: Vorarlberg. Aus dem Nachlaß bearbeitet und heraus-gegeben von Meinrad Merkle( 1839). Repr. Bregenz 1989, Bd. I, S. 336f.

21 Ebd., S. 339, vgl. auch S. 263.

22 Ebd., S. 260.