Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band XLV/ 94, Wien 1991, 1 – 46
„ Trotz aller Ungunst der Zeit"*
Anmerkungen zu einer zweiten Geschichte der Tracht in Vorarlberg
Von Bernhard Tschofen
„ An einem Februarsonntag dieses Jahres besuchte ÖsterreichsBundeskanzler Dr. Kurt von Schuschnigg Vorarlberg. Er betrat dasLändle in Bludenz, dem freundlichen Walgaustädtchen mit seinenmalerischen Lauben und Stadttoren. Es war ein prächtiger Wintertag.Die Sonne leuchtete über die Hochgebirge, die sich im Kranze um dasStädtchen entfalten und himmelwärts streben. Der erste Weg desKanzlers galt dem Herrgott. Und als er dann nach dem Gottesdienstdie neue Kuppelkirche verließ, mußte er durch ein reiches Spalier derSchulkinder schreiten. In kindlicher Begeisterung jubelte es ihm zu, Österreich!'. Von allen Seiten flatterten die Fähnchen rot- weiß- rot.Dann aber wars eine allerliebste Szene, die eines Schnappschusseswürdig gewesen wäre. Bludenzer Mädchen, in der Bürgertracht frü-herer Jahrhunderte, traten auf den Kanzler zu. Blumen gaben sie ihmin den Farben Rot- Weiß- Rot, Gedichtlein sagten sie fein sauber herund zum Schluß ganz zaghaft- hielten sie ihm eine Bittschrift vor.Ein großes Trachtenfest wolle man in Bludenz veranstalten, wie dasneue Österreich noch keines gesehen, und ob der Kanzler denn nichtbereit wäre, dessen Ehrenschutz zu übernehmen. Gerne sagte Dr.Schuschnigg zu- und so wurde dieses Trachtenfest zu Pfingsten eineeindrucksvolle vaterländische Veranstaltung, ein Heimatfest..." I
Es nimmt kaum wunder, daß Bundeskanzler Schuschnigg gernezusagte, wie sich der begeisterte Berichterstatter 1935 in der österrei-chisch- patriotischen Zeitschrift„ Ruf der Heimat“ ausdrückte, erlebtedoch die Trachtenbegeisterung im faschistischen österreichischenStändestaat einen Höhepunkt. Tracht, das galt als Bekenntnis zur* Der Titel ist den Grußworten von Landeshauptmann Ernst Winsauer in derFestschrift zum eingangs zitierten Bludenzer Trachtenfest entnommen( wie Anm.115), S. 3.
1 Das Bludenzer Trachtenfest- ein Ruf der Heimat. In: Ruf der Heimat, H. 8, 1935,S. 10f., s. S. 10.