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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVI/ 95
Günter WIEGELMANN, Theoretische Konzepte der europäischen Eth-nologie. Diskussionen um Regeln und Modelle( Grundlagen der europäi-schen Ethnologie 1), Münster, Lit, 1991, 293 Seiten.
Seit Jahrzehnten bemüht sich Günter Wiegelmann um einen größerentheoretischen Tiefgang unserer Disziplin. In der Bonner Schule der Kultur-raumforschung groß geworden und im Gegensatz zur Tübinger Schule hater nicht mit der Vergangenheit der volkskundlichen Forschung gebrochen.Sein Anliegen ist, über die Erforschung konkreter Einzelheiten der Kulturhinauszugehen, ohne jedoch gleich zu allgemeinen Aussagen über die Kul-tur oder das kulturelle Verhalten des Menschen durchzustoßen. Es geht ihmum eine räumliche, zeitliche und soziale( gruppenspezifische) Gliederungder Kultur der Mittel- und Unterschichten. Er schlägt ,, Konzepte mittlererReichweite“ vor, die sich nicht zu weit von der Forschungspraxis entfernenund dieser dienen sollten.
Im vorliegenden Band zieht Wiegelmann Bilanz über seine bisherigeArbeit zur Theorie der Volkskunde. Er vereint 14- z.T. gekürzte- Aufsätzeaus den Jahren 1961- 1990, bündelt sie in Gruppen( Gliederungskriterien,System Umwelt- Theorie, Wirtschaftslagentheorie, Stadt- Land- Modelle,kulturräumliche Gliederung und Periodisierung) und faßt am Ende einesjeden Abschnittes die Diskussion um das entsprechende Thema kurz zusam-
men.
Das Buch beinhaltet u.a. eingehende Auseinandersetzungen mit denBegriffen bzw. Konzepten Gesunkenes bzw. Sinkendes Kulturgut, Relikt-gebiet, Kulturfixierung( Wiegelmann schlägt für das Gesamtphänomen denBegriff Wirtschaftslagentheorie vor, da Kulturfixierung nur den Abschnittder Konservierung der Wohlstandsnovationen bei sinkendem Wohlstandbezeichnet), Endogener Wandel, Zentraldirigierung und Kulturraum. In derum 1970 virulenten Diskussion um die Sinnhaftigkeit der Unterteilung inmaterielle und geistige Volkskultur schlug Wiegelmann vor, in erster Liniezwischen Kulturgütern und Handlungen zu unterscheiden. In der Folgeentwickelte er ein stets erweiterungsfähiges System von Kriterien, die dieeinzelnen Erscheinungen der Volkskultur nach„ feingliedrigen Skalen“ ein-teilen. Zuletzt( in der Brückner- Festschrift 1990, hier S. 24- 28) nannteWiegelmann zwölf Kriterien: den Öffentlichkeitsgrad( von ganz privat wieder Unterwäsche bis ganz öffentlich wie der Hausfassade), die sozialeZuordnung, die Realisierungshäufigkeit und-dauer, die Notwendigkeit, diesubjektive Bedeutung( Werteskala), den materiellen( und entsprechend denfinanziellen und den Arbeits-) Anteil, die Objektkonstanz, den ideellen undden sprachlichen Anteil, die Komplexität der Handlung oder des Objektsund die zentrale Steuerung bzw. Freiheit in der Ausführung.
Neben diesen Konzepten und Modellen, die jeweils nur Teilaspektekultureller Prozesse zu erklären imstande sind, schlug Wiegelmann 1972 die