Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Seite
539
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 539- 568

Literatur der Volkskunde

Reimund KVIDELAND( ed.), Tradition and Modernisation. PlenaryPapers read at the 4th International Congress of the Société Internationaled'Ethnologie et de Folklore(= NIF Publications 25). Turku, Nordic Instituteof Folklore, 1992, 121 Seiten.

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Dem Prozeß der Modernisierung und seinem Verhältnis zur Traditionmithin Kernfragen der Kulturwissenschaft- war der vierte Kongreß derSociété Internationale d'Ethnologie et de Folklore in Bergen 1990 gewid-met. Das Nordic Institute of Folklore in Turku legte nunmehr eine Ausgabeder Plenumsvorträge vor, so daß neben den bereits im SchweizerischenArchiv für Volkskunde 87( 1991) veröffentlichten deutschsprachigen Beiträ-gen auch die englischsprachigen zugänglich sind.

Den einmal mehr theoretisch, einmal mehr praktisch orientierten Beiträ-gen zu den fünf Themen des Kongresses ist Hermann Bausingers einleiten-des und grundsätzliches Referat zum Tagungsthema Tradition und Moder-nisierung vorangestellt. Es gibt die Leitlinien der Argumentation vor undkennzeichnet das in dem Band in weitgehender Übereinkunft formulierteVerhältnis der beiden Schlüsselbegriffe- nämlich längst nicht mehr nachalter Gepflogenheit als unversöhnliche Gegensatzpaare, sondern als un-trennbar miteinander verbundene Chiffren der Moderne.

Bausinger weist anhand einleuchtender Beispiele aus dem Gebiet derangeblich traditionellen Volkskultur auf die ambivalenten Funktionen derTraditionalisierung als Widerlager und Motor im Modernisierungsprozeßhin; pointiert: Die traditionelle Gesellschaft kannte keine Tradition"( S. 12), und die Tendenzen der Modernisierung ließen die Volkskultur alsselbständiges Gebilde erst deutlich hervortreten"( S. 15). Daß Traditionengemacht werden, zählt inzwischen zu den internationalen Standards derGeschichts- und Kulturwissenschaften( vgl. Eric Hobsbawm u.a.), aber esist das Verdienst von Hermann Bausinger, dem wir seit Jahrzehnten beharr-liche Hinweise auf solche Zusammenhänge verdanken, daß er daraus keineDoktrin macht, sondern einmal mehr den ambiguen Charakter selbst derpostmodernen Verwirrspiele unterstreicht. Sein Resümee, zugleich Plädoyerfür die Orientierung der Volkskunde, zielt darauf ,,, die traditionsspezifischePrägung der Moderne ebenso zu erkennen wie die Strukturveränderung derTradition durch die Modernisierung( S. 18) anstatt wie manche Apologetender Postmoderne die Beliebigkeit kulturellen Verhaltens zu überschätzenund durch eine voreilige anything- goes- Diagnose das Kind gleich mit demBade auszuschütten.