Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Seite
537
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1992, Heft 4

Chronik der Volkskunde

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Nachruf auf Václav Frolec

Wir möchten zunächst kaum glauben, daß PhDr. Václav Frolec, DrSc.,ordentlicher Professor für europäische Ethnologie an der PhilosophischenFakultät der Masaryk- Universität zu Brünn, nicht mehr unter uns ist.

Diese tragische Nachricht kam aus Münster, wo er bei seinem halbjähri-gen Studienaufenthalt am 14. Mai 1992 kurz vor seinem 58. Lebensjahrplötzlich gestorben ist. Prof. Frolec wurde am 27. September 1934 inRatíškovice( Südmähren) geboren, die Reifeprüfung legte er am Gymnasi-um in Hodonín( Göding) ab. Danach übersiedelte er nach Brünn, um beiProf. A. Václavík an der Philosophischen Fakultät Volkskunde zu studieren( in den ersten Jahren auch mit dem Nebenfach Musikwissenschaft). Nacheiner kürzeren Zeit, welche er nach der Absolvierung der Fakultät imHeimatmuseum in Hodonín und beim Pflichtmilitärdienst verbracht hat,wurde er in das volkskundliche Seminar der Brünner Universität aufgenom-men. Hier, an der Philosophischen Fakultät, hat seine wissenschaftlicheKarriere begonnen, aber der Weg zur Professur war lang und schwierig. ImJahre 1963 verteidigte er seine Dissertation über das westbulgarische Volks-bauwesen und fünf Jahre später habilitierte er sich für die slawische Volks-kunde. Erst nach der sanften Revolution wurde er zum Professor befördert( 1990) und im Jahre 1991 verteidigte er die sogenannte große Doktorarbeitüber das Südmährische Genossenschaftsdorf.

Der Verstorbene hat außer seiner pädagogischen Tätigkeit ein umfangrei-ches wissenschaftliches Werk geleistet, das auf eine Enzyklopädie dertschechischen Volkskunde abzielte. Wenn auch der vorzeitige Tod seineVorsätze zunichte gemacht hat, bleibt doch sein großes Vermächtnis dertschechischen und südosteuropäischen Ethnologie. V. Frolec ist Autor von11 Buchpublikationen, Mitautor 16 weiterer Bände, Herausgeber von 30Editionen, Verfasser von ca. 270 Studien und Artikel und zahlreicher Buch-besprechungen, Nachrichten und publizistischer Beiträge. Fast ein Sechsteldieser Arbeiten wurde im Ausland publiziert, u.a. auch in der Österreichi-schen Zeitschrift für Volkskunde( z.B. Volkskundliche Dorfforschung in derTschechoslowakei, Erfahrungen und Ergebnisse. ÖZV 42/91, 1988, S. 361-373; Die Mährische Identität: Dimension und Konflikt des historischenBewußtseins. ÖZV 45/94, 1991, S. 367-.389).

Prof. Frolecs Tätigkeit umfaßte nahezu alle Zweige der Volkskunde, aberseine besondere Vorliebe galt dem Volksbauwesen, den Sitten und Festen.Vom geographischen Standpunkt ging er von seiner Geburtslandschaft aus,aber bald dehnte er sein Forschungsfeld auf das ganze Mähren, Schlesien,die Slowakei, die mittlere Donaulandschaft, das Karpatenland und aufWestbulgarien aus. Bei seiner Forschung kombinierte er verschiedenevolkskundliche Methoden, aber die historisch- vergleichende Methode bliebsein Ausgangspunkt. In der Gegenwarts- und Kleinstadtforschung hat er