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Chronik der Volkskunde
ÖZV XLVI/ 95
Ausgehend vom Sturz der Denkmäler in den ehemaligen kommunisti-schen Ländern referierte Franz Grieshofer über„ Denkmäler der Provoka-tion". Dabei ging es um die Diskrepanz zwischen der Intention der Errichterund der Rezeption bzw. Akzeptanz durch das„ Volk" und um die Frage,inwieweit diese Thematik in die Volkskunde zu integrieren und wo ihrAnsatzpunkt sei.
Ingo Schneider näherte sich von seiten der Volkserzählung dem General-thema. Er zeigte in seinem Referat„ Erzählen zwischen Macht und Ohn-macht. Über die Rolle des Erzählens in totalitären Regimen“ auf, wieMenschen in Form von persönlichen Erfahrungsberichten, Gerüchten, poli-tischen Witzen, aber auch von Sagen ihre Unterdrückung verarbeiten. AmBeispiel von Erich Honecker und der DDR machte Schneider bewußt, daßdie Erzählung auch ein Mittel der Lebensbewältigung und des geistigenWiderstandes darstellt.
Am Nachmittag folgten vier Vorträge der Völkerkunde:
Manfred Kremser: Zur Persiflage zentraler kolonialer Machtstrukturenin Sklavengesellschaften; Werner Zips: Maroons von Jamaica. Eine afrika-nische Großmacht in der Karibik; Andre Gingrich: Zentrales und Dezentra-les in E. Gellners Theorie der Agrarstaaten aus südwestarabischer Sicht. EinBeitrag zum Dialog von Geschichte und Ethnologie; und Thomas Filítz:Staatliche Macht und traditionelle Machtinstitutionen in den Hausa- Staaten( N- Nigeria).
Nicht unerwähnt soll bleiben, daß es neben dem gesellschaftlichen Rah-menprogramm auch Ausstellungen und Buchpräsentationen gab.
Wie bei den vorangegangenen Historikertagen werden die Vorträge,wenn auch in etwas geraffter Form, wieder in einem Tagungsband zugäng-lich gemacht werden.
Franz Grieshofer
Folk Narrative and World View
10. Kongreß der International Society for Folk Narrative Research( ISFNR) vom 4. bis 11. Juli 1992 in Innsbruck
Was nicht soll sein, glückt manchmal umso eher. Das gilt auch für dieseInnsbrucker Zusammenkunft der Erzählforscher. Denn auf dem letztenWeltkongreẞ der ISFNR in Budapest( 1989) war die Wahl des nächstenKongreẞortes ja nicht auf Innsbruck gefallen, sondern die Bewerbung meh-rerer europäischer Städte hatte sogar dazu geführt, daß durch das Stimmen-splitting bei der Abstimmung die Außenseiter- Offerte Mysore( Indien) denZuschlag erhielt. Damit war voraussehbar, daß die übergroße Mehrheit derISFNR- Mitglieder, die in Europa lebt und arbeitet, am nächsten großen