1992, Heft 4
Walter Puchner
509
Messer zu häuten, wobei ihm das ganze Dorf hilft( seine Haut soll siefür den entstandenen Schaden entschädigen). Dabei wird ihm derSack langsam über den Kopf gezogen. Als sie seine Augen offenfinden, erschrecken sie, halten ihn für einen Vampir und laufenschreiend davon. 65 In Varianten davon erwacht der hier namenloseHirtengehilfe während der Häutung zum Leben, indem er Wasser aufdie Umstehenden spuckt.66 Manchmal ist der Gehilfe auch schwerhö-rig und spielt Flöte, oder die Tiere des Hirten sind läufig, oder dieSchuster kommen und interessieren sich für die abgezogene Haut desGehilfen.67 Von dem Spiel gibt es auch eine nur von Frauen gespielteVariante, wo eine den„ Hund“ vorstellt, der das Zicklein fressenwill.68 Der eventuelle Zusammenhang mit dem Hl. Basileios desNeujahrsfestes betrifft unsere Fragestellung nicht.69
Das„, Hündische“ an diesem Dromenon betrifft also die pejorativeSeite( verstärkt noch durch das Epitheton„ stinkend“, das wie erwähntaber noch andere Sinndimensionen haben kann; das stark riechendeMannsbild, Geruch als Vitalmanifestation), eventuell noch die mann-haften Züge des„ Kerls“, hier in parodistischer Umdeutung alsschimpfliche Bezeichnung, kaum aber den Purifikationstermin des,, Hundemontags“ und die dämonische Ausformung der Totenseelenan der Oberwelt.70 Somit erweist sich der Bedeutungskomplex„ Hund" bzw.„ Hündisch“ allein schon in den Brauchformen dergriechischen Tradition als überaus labil, vielseitig und multivalent,wobei das semantische Ambiente jeweils vom Erscheinungskontextbestimmt oder modifiziert wird. Und dies gilt gleichermaßen für vieleandere Bedeutungskomplexe in den Volkskulturen, die eine vor-schnelle Sinnzuweisung nicht gestatten und erst vorsichtig aus ihremjeweiligen Bedeutungszusammenhang zu interpretieren sind. Aufdem Sektor von Legenden- und Bildmotivik hat der Gefeierte in
65 A. Sakellariu: Tα Kvлρiαкá. Athen 1891, S. 267- 269.
66 L. Antoniadis:' E0µia τηg Aªµññç. In: Laografia 19( 1960- 61), S. 542f.67 Rusunidis, op. cit., S. 55f.
68 Rusunidis, op. cit., S. 57.
69 Diskussion bei Rusunidis, op. cit., S. 57ff.
70 Einer der„ Ferienaufenthalte" der Seelen aus der Unterwelt fällt freilich mit derAnastasis zusammen: es ist dies die Periode von Ostern bis Pfingsten, dochbeziehen sich die entsprechenden Glaubensvorstellungen vorwiegend auf Feen,Nixen, Elfen und dergleichen. Vgl. Puchner, Rosalienfest, op. cit. Außerdemhandelt es sich hier um Brauchformen, die eigentlich in der Zwölften- bzw. derKarnevalsperiode anzusiedeln sind.