1992, Heft 4
Die fünfzehn geheimen Leiden Christi
487
unmittelbar aus dieser Richtung, nämlich aus der lebendigen Volks-überlieferung, bekommt daher nach unserer Meinung einiges Ge-wicht, zumal dadurch auch Hinweise auf die funktionale Seite dieserArt von ungewöhnlichem„ Leidensgebet" sichtbar und dessen ein-deutige Zuordnung zu einer bestimmten Phase im Kirchenjahr, näm-lich zur Fastenzeit vor Ostern, mit einiger Bestimmtheit möglichgemacht werden.
Unser Versuch geht zurück auf einen eher zufälligen Fund, undzwar in der Folge von Gesprächen mit einer ungewöhnlich regsamenund bewanderten Gewährsfrau, die sich durch ihre sichere Kenntnisund mündliche Wiedergabe von verschiedensten Arten von Erzähl-stoffen und sonstiger mündlicher Überlieferung von Sage, Schwankund Legende, Eigenerlebnissen und Ortsgeschichten als überauswertvoll bis zu Lied und Gebet, Spruch und Rätsel erwies. Bei einemGespräch mit dieser 74jährigen Frau, die aus einer Bauernfamilie inSagritz ob Döllach im Mölltal stammt und die hier lebt, Frau Katha-rina Ranacher, am 18. Oktober 1989 beim dortigen Schloßwirt, zitier-te diese völlig unvermutet und aus freien Stücken den nachstehendenGebetstext über„ die fünfzehn heimlichen Leiden“. Der Text, someinte die Gewährsfrau damals, sei ihr längst und sehr wohl vertraut.Sie hörte ihn schon in den 20er Jahren noch als junges Mädchen inihrem Vaterhaus in Sagritz von einer„ Sennerin“. Diese stammte nachihren Angaben aus dem hochgelegenen, einsamen Gebirgsort Astenob Sagritz und war später auch in Apriach bei Heiligenblut in Dienst.Beide Frauen hätte die bilderreiche und wohl auch sehr grelle Sprachedieses Andachtstextes immer schon so beeindruckt, daß er ihnen, wiees sich ja auch zeigte, ziemlich vollständig in Erinnerung blieb.
Überrascht von dem unerwarteten Fund, versuchte ich nun, dessenHerkunft näher auf den Grund zu gehen. Dazu wußte die Gewährsfrauzu berichten, daß sie es von der vorerwähnten Sennerin, einer gewis-sen Anna Überbacher aus Asten, kenne. Diese war bei der Bauernfa-milie, aus der Frau Ranacher stammt, Sennerin und wohl auch Dienst-magd und habe in den 20er Jahren dieses Gebet oft gebraucht, wurdedarum auch vielfach gebeten, und zwar nur in der Fastenzeit. Es seiein ausgesprochenes„ Fastengebet“, ein sogen.„ Leidensgebet“ gewe-sen. Auf die Frage, ob es andere Frauen auch gekannt hätten, meinteFrau Ranacher:„ Einige aus der Verwandtschaft der Familie Überba-cher haben es sicher gekannt“. Nun wurde mir über diese Verwandt-schaft einiges berichtet: Die Mutter der Anna Überbacher stammte