Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 483- 494
Die fünfzehn geheimen Leiden ChristiNach einer mündlichen Überlieferung aus Kärnten
Von Oskar Moser
Seit frühen Tagen und bis in die letzten Jahre war unser Jubilarbemüht, legendäre Bildtraditionen und volkstümliches Bild- Denkenaufzugreifen und abzuklären und diese zugleich im Spiegel oralerÜberlieferungen nachzuweisen, vor allem in Lied und Legende, in derFülle barocker und später Erbauungs- und geistlicher Gebrauchslite-ratur, in einem Bereich also, wo die Einheit von Bild und Sprache( Text) der frühen kirchlichen Überlieferung sich längst in vielerleiSonderthemen und selbständige Motive aufgelöst hatte und die letz-teren sich jeweils und vielfach zu oft ganz eigenartigen, selbständigenund seltsamen Sujets verfestigt und zugleich isoliert haben. LeopoldKretzenbacher hat es wie wenige vermocht, die wirkenden Hinter-gründe und die Ausgangsüberlieferungen dafür darzutun und damitderen essentielle Zusammenhänge für uns klarzustellen.
In diesen Zusammenhängen von Imagerie und mündlichen Tradi-tionen namentlich im Bereich volksreligiöser Vorstellungen möchteauch das Vorliegende ein kleiner Beitrag sein, angesichts der beson-deren Schwierigkeiten, die darin liegen, daß das Bildgut in der Form,wie es einmal geschaffen worden ist, quasi materiell fixierten Bestandhat, während die oralen Überlieferungen trotz vielfacher Verbreitungleichter vergehen und verlöschen, selbst wenn sie oft selber wiederauf literarisch- textliche Fixierungen in Schrift- oder sogar Druckvor-lagen zurückgehen und später danach mündlich weitergegeben wor-den sind.
Ein solches typisches Einzelbeispiel für den Zusammenhang vonBild und Text und mündlicher Überlieferung sei hier aufgezeigt. Esgehört in die weiten Bereiche spätmittelalterlicher Leidensmystikum die Passion Christi, von der Leopold Schmidt einmal treffendgemeint hat: Ein Jahrtausend lang hätten nicht Menschen der Neue-sten Zeit diese Passion in Spielen dargestellt und angeschaut,„ son-dern, mittelalterliche' Menschen, das heißt Menschen, denen schondie rein gegenständlichen Gegebenheiten von Marter, Blut und Tod,