Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Seite
393
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 393- 408

Literatur der Volkskunde

Ulrike HÖFLEIN, Vom Umgang mit ländlicher Tracht. Aspekte bürger-lich motivierter Trachtenbegeisterung in Baden vom 19.Jahrhundert bis zurGegenwart.(= Artes populares, Band 15) Frankfurt am Main/ Bern/ NewYork/ Paris, Verlag Peter Lang, 1988, 340 S., 18 Abb.

Die Dissertation von Ulrike Höflein Vom Umgang mit ländlicherTracht reiht sich angemessen in die zahlreichen Arbeiten zu einer neuenTrachten- und Kleiderforschung in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre( Cloppenburg 1985, Lienz 1986, Schloß Hofen 1988, Hessische Blätter25/1989 u.a.). In der knappen Einleitung legt die Autorin klar ihr Programmdar, nämlich das der Darstellung der bürgerlichen Fiktion einer Volkstrachtals Bauerntracht im 19. Jahrhundert im Sinne von Fund und Erfindung"und dem Fortwirken der ideellen Befrachtung der Tracht bis in die heutigenTage. Sie nähert sich ihrem Thema und der im weiteren behandelten badi-schen Region über den Umweg des Blicks auf die allgemeinen Reaktionenauf gesellschaftliche Verhältnisse im 19. Jahrhundert und beginnt dabei, wieanders gar nicht möglich, mit den Verunsicherungen durch die FranzösischeRevolution. Als Beispiele werden dafür die Sansculottentracht und dasChemisenkleid als modische Reaktion auf gesellschaftliche Ereignisse her-angezogen. Die Gegenreaktion durch patriotische Gefühle in Deutschlandwerden exemplarisch an Ernst Moritz Arndt und seinen Vorstellungen einer, stehenden teutschen Kleidertracht eines ganzen Volkes und der Übertra-gung dieser Suche nach Sitte und Beständigkeit allein auf den Bauernstandvierzig Jahre später durch Wilhelm Heinrich Riehl gezeigt. Das theoretischeGrundgerüst Riehls und dessen Bauernbild benützte 1892 der badischeLandtagsabgeordnete und Pfarrer Heinrich Hansjakob für seinen Aufruf zurErhaltung der badischen Volkstrachten als Gegengewicht und Abwehrstra-tegie zu den Auflösungsprozessen der tradierten Gesellschaftsordnung, diesich in zunehmender Verstädterung und Industrialisierung bedrohlich mani-festierten. Bei ihm verschmilzt der Bauer mit seiner Tracht zu einer unauf-löslichen Einheit und verkörpert damit das Auftreten gegen gefährlicheEinflüsse wie Fortschrittsglauben, Luxus und Verschwendung, städtischeFreizügigkeit und sozialdemokratisches Gedankengut. Es gab wenig zeitge-nössische Kritik an Hansjakobs Kulturpessimismus, aber manche Zeitge-nossen möchten sein Programm der Trachtenerhaltung noch ausgeweitetwissen auf die Pflege des gesamten Volkstums( Nuzinger, Sohnrey). Nebenden bürgerlichen Bestrebungen geistlicher Herren waren es dann schließlich