1992, Heft 3
Chronik der Volkskunde
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Josef Schitter † 1911- 1991
Bis vor wenigen Jahren war es gang und gäbe, daß sich besondersPädagogen und Pfarrer mit der Volkskultur ihres unmittelbaren Wirkungs-bereiches beschäftigten; angesichts heutiger Mobilität entstammt oderwohnt fast kein Lehrer mehr in dem Ort seiner Schüler, und der Mangel anPriestern macht es unmöglich, daß diese in ihrer Heimat tätig sein können.Der letzten traditionsverhafteten Generation von Kirchenmännern zuzu-rechnen ist Josef Lahnsteiner(* 1882 Bramberg, † 1971 Hollersbach) imPinzgau und Josef Schitter im Lungau, die neben der Zufälligkeit, daß sieRegionen behandelten, die beide Ignaz v. Kürsinger rund eineinhalb Jahr-hunderte vor ihnen erforschte, so manche Gemeinsamkeit aufwiesen: vonkleiner, drahtiger Statur und in den Archiven vollständig hinter Stapeln vonAktenbündeln verborgen, publizierten sie erst nach ihrer Versetzung in denRuhestand und finanzierten ihre- in der Folge recht erfolgreichen Werke inihrer Begeisterung auf eigenes Risiko.
genom-
Josef Schitter kam 1911 als Bauernsohn am Suppangut zur Welt undwuchs hier in Pichl bei Mariapfarr auf. Nach seiner 1939 erfolgten Weihezum Priester in Salzburg war er im selben Jahr Kooperator in Goldegg undMariapfarr. Wegen einer„ defaitistischen Äußerung" in Polizeihaftmen, mußte er das schreckliche Biennium 1944/45 im KonzentrationslagerDachau verbringen. Nach Kriegsende wurde er Seelsorger in Eugendorf,hierauf in Saalfelden und von 1955 bis zu seiner Pensionierung im Jahre1975 Pfarrer in der Rehhofsiedlung von Hallein. In der Folge verfaßte ermehrere Publikationen, in denen er neben historischen Quellen primärSelbsterfahrenes über eine ungemeine Fülle an volkskulturellen Erscheinun-gen mit allen wissenschaftlichen Anforderungen genügender Gründlichkeiteinfließen ließ. Die Abfassung kostete ihm viel Zeit und Kraft, denn„ derHeimatforscher findet bei seinen Recherchen und bei seinem Bemühen umwahrheitsgetreue Darstellung ja nicht immer nur Wohlwollen und Hilfestel-lung, sondern bisweilen auch Widerstände und Schwierigkeiten, derenÜberwindung mitunter mühevoll ist“. Im Jahre 1982 wurde ihm vomBundespräsident der Berufstitel Professor verliehen. Betagt verschied er am10. Juli 1991 im Herz Jesu- Asyl der Stadt Salzburg.
Seiner unmittelbaren Heimatgemeinde, der Lungauer Mutterpfarre Ma-riapfarr, ihrer Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte widmete er seineerste umfassende Untersuchung, die ein breites Spektrum historisch orien-tierter Volkskultur umfaßt und dabei etwa Formen des Lebens- und Jahres-brauches( von der Hochzeit bis zum Samson- Umzug) oder der Hauskultur( von gemauerten Getreidespeichern bis zu Badstuben) ebenso beachtet wieGerichtswesen und Hexenprozesse( vom Zauberer- Jaggl bis zur Staudinger-Hexe). Der Folgeband³ setzt sich aus einer Sammlung einzelner, durchaus