1992, Heft 3
Chronik der Volkskunde
377
Sein internationales Ansehen zeigt sich in seiner Berufung ins Redak-tionskomitee des Europäischen Ethnographischen Atlasses und zum Mither-ausgeber der Zeitschrift ,, Ethnologia Europaea“. In seiner stillen, gesammel-ten, alles andere als publicitysüchtigen Art übt er auch heute noch wider denZeitgeist die einst an den Gebrüdern Grimm gelobte„ Andacht zum( schein-bar) Unbedeutenden". Er stellt sie jedoch in den Dienst der großen Aufgabe,in der Vielfalt die geistige Einheit der europäischen Völkerfamilie erkennbarzu machen, was ihm von Mitteleuropa aus besonders eindrucksvoll gelingt.Walter Weiss
Laudatio für emer. o. Hprof. Walter Deutschzur Überreichung der Haberlandt- Medaille am 25.6.1992 imÖsterreichischen Museum für Volkskunde in Wien
Verehrte Damen und Herren!
Der Verein für Volkskunde und viele Freunde haben sich versammelt, umdabei zu sein, wenn heute die„ Haberlandt- Medaille" an den Volksmusik-forscher Walter Deutsch verliehen wird. Es geziemt sich, aus diesem Anlaßeiniges zu sagen zur Person des Ausgezeichneten, oder- was ihm viel lieberwäre- zur österreichischen Volksmusikforschung, oder- was das Sinnvoll-ste ist zu einer Synthese aus beiden. Also: Walter Deutsch und die öster-reichische Volksmusikforschung, die österreichische Volksmusikforschungund Walter Deutsch.
Als Walter Deutsch seinen Weg auf dem Pfad der Wissenschaft begann,hatte er vermutlich keine Ahnung, wer Arthur und Michael Haberlandtwaren.„ Hafer- Land" hätte er vermutlich assoziiert, als Vision eines Südti-rolers mit Sehnsucht nach der wärmenden Milde von Mutter Natur, den dieOption seiner Familie nach Nordtirol, der Krieg nach Nordafrika und dieGefangenschaft nach Nordamerika verschlagen hatte. Ein Freund nahm ihnnach dem Krieg mit nach Wien und ermöglichte ihm das Musikstudium ander Musikakademie; er studierte Komposition und Dirigieren und wurdenach Abschluß seines Studiums Ballettkorrepetitor an der Wiener Volksoper.Über die Wiener Singgemeinschaft und ihre Leiterin Gretl Stürmer, für dieer manchmal Volksliedsätze machte, und die ihn auf die Suche nach neuenVolksliedern schickte, lernte er das Volksliedarchiv für Wien und Nieder-österreich kennen und die darin wohnenden Geister, heute Denkmäler:Raimund Zoder, Karl Magnus Klier, Georg Kotek, Franz Schunko. WalterDeutsch war fasziniert von allem, was ihm dort entgegentrat, nahm jedeAnregung auf, studierte am Material oder, besser gesagt, wenn ich mir dasrichtig vorstelle, wühlte sich durch die Mappen mit den Aufzeichnungen und