Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Seite
369
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band XLVI/ 95, Wien 1992, 369-374

Mitteilungen

Die Bürde der Würde

Zu Roland Girtlers Beitrag Die Würde des Radfahrens¹

Von Johannes Moser

Roland Girtler, dem man anerkennend nachsagen kann, gewisse Modenzu erkennen oder gar zu kreieren und sie auch populärwissenschaftlichaufzubereiten, versucht in seinem Artikel- unter Berufung auf die Kultur-wissenschaft-,die Würde des Radfahrens und dessen Bedeutung für dieVolkskunde herauszuarbeiten. Es hätte ein wichtiger und interessanter Bei-trag werden können, aber nach meiner Meinung scheiterte Girtler mitseinem Anliegen in jeder Hinsicht, weshalb die Lektüre seines Artikels füralle Volkskundler/ innen, denen ihr Fach etwas bedeutet, zum Ärgerniswerden muß.

Im großen und ganzen setzt Girtler in seiner Argumentation drei Schwer-punkte, mit denen er sein obengenanntes Ziel zu erreichen trachtet. DieserDramaturgie möchte ich mich auch in meiner Kritik bedienen, wobei es vorallem zu zeigen gilt, daß Girtlers zufällige und unsystematische Äußerungenmit einer modernen Kulturwissenschaft, als die sich die Volkskunde wohlmittlerweile versteht, nichts zu tun haben.

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Girtler eröffnet seinen Artikel mit persönlichen Vorbemerkungen, diejedoch nicht beim Persönlichen bleiben. Nun könnte man die in diesemKontext geäußerten Vorwürfe an unsere Autogesellschaft und die damitverbundenen alternativen Möglichkeiten Verschenken des Autos- alsEinfälle eines weltfremden Schwärmers abtun, handelte es sich beim Autornicht um einen anerkannten Soziologen. Natürlich weiß jeder halbwegsinformierte Mensch um die problematischen Folgen, die der Automobilis-mus für unsere Gesellschaft gebracht hat, dennoch muß ein Kulturwissen-schafter wohl mehr sehen als bloß den Fetisch Auto. Martin Scharfe hat zuRecht darauf hingewiesen, daß der Automobilismus notwendigerweise zutun hat und verkoppelt ist mit unserer Gesellschaft, wie sie verfaßt undhistorisch entstanden ist". 2 Mit der simplen Verteufelung des Autos ist es ineiner Gesellschaft nicht getan, deren Ökonomie allerhöchste Mobilität ver-langt und in der die Nichterbringung dieser Mobilität zumindest die ökono-mischen Chancen in vielfältigster Weise beschränkt. Die notwendige Be-