Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 355-367
Wegmüssen: Entsiedlung im KohlerevierVersuch einer Wahrnehmung laufender Ereignisse
Von Ute Mohrmann
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Einige wenige müssen für unser aller Wohlstand soviel bezahlen..."( Verheizte Lausitz)
Den Dorfbewohnern der Lausitz, einer Landschaft mit gemischt-nationaler, deutsch- sorbischer Bevölkerung, ihrem Leben mit der„ Kohle" gilt unser forschendes und lernendes Interesse. Dabei gehtdie Erkenntnissuche aus von der Bedeutung regionaler und privaterGeschichte als Teil der großen Geschichte, die ihrerseits die Un-gleichzeitigkeit von ökonomischer und soziokultureller ,, Modernisie-rung" ausweist.
Subjektive Lebensziele und konkrete Lebensweisen reichen hineinin die Ebene der„ globalen Probleme", des Umgangs mit Umwelt undRessourcen, des Überlebens der Gattung. Die Thematisierung dieserProbleme ist auch in unserem Fach international. Seit jeher gehört dasThema„ Mensch und Umwelt" zu den Arbeitsbereichen der Ethnolo-gie, deren kulturökologische Forschungstradition bei Friedrich Ratzel( 1844-1904) angesetzt werden kann, über die unterschiedlichstentheoretischen Konzepte während der 1. Hälfte des 20. Jahrhundertsreicht und in den vergangenen dreißig Jahren bekanntlich einenbesonderen Aufschwung nahm. Dabei liegt der Volkskunde offen-sichtlich jene Forschungstradition in der Ethnologie nahe, die Kultur-ökologie im weiteren Sinne als Erforschung der Beziehungen zwi-schen Kultur, sozialer Organisation und natürlicher Umwelt versteht.'Unsere im Frühjahr 1989 begonnenen Forschungen im LausitzerBraunkohlenrevier wurden provoziert durch die fortschreitende Bru-
1 Thomas Bargatzky: Einführung in die Kulturökologie. Umwelt, Kultur undGesellschaft. Berlin 1986. Vgl. auch Marvin Harris: Culture, People, Nature.New York 1975; Walter Dostal und Leo Reisinger: Ein Modell des öko- kulturel-len Interaktionssystems. In: Zeitschrift für Ethnologie, Bd. 106, 1981, S. 43-50und Hubert Ehalt( Hg.): Zwischen Natur und Kultur: Zur Kritik biologischerAnsätze. Köln 1985.