Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Seite
339
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 339-353

Innovationen im KulturprozeßAktuelle Überlegungen zu einem alten Thema¹

Von Dieter Kramer

1. Einleitung

Es ist nicht leicht, aus dem Komplex Innovationen, Kulturwandel,Modernisierung( denn erst in dieser Kombination wird das Themarichtig interessant) einen kurzen Vortrag oder Aufsatz zu destillieren.Zu komplex ist das Thema, am Wege zu einem Ergebnis stoßen wirauf Um- und Abwege, wir begegnen interessierten Begleitern, umMitfahrgelegenheit bittenden Anhaltern, die zu lästigen Aufhockernoder raffinierten Räubern werden, und wir treffen Wegelagerer, diesich als nützliche Helfer in ausweglosen Situationen entpuppen. Diefolgenden Passagen beschäftigen sich, eine subjektive Auswahl tref-fend, mit dem Weg der volkskundlichen Kulturwissenschaft von derDenunziation des Wandels zu seiner liebevollen Beschreibung, mitInnovationen als Möglichkeitsform des kulturgeleiteten Handelns,dann mit Innovationen als Komponenten langfristigen irreversiblenKulturwandels. Sie beziehen sich schließlich auf innovative Absich-ten der Zentraldirigierung und die Soziogenese kultureller Hegemo-nie, auf Suchbewegungen im Raum neuer Möglichkeiten und auf dieaktuelle Diskussion über die Kultur des Wählens".

2. Von der Denunziation des Wandels zu seiner liebevollen Be-schreibung

Eindrucksvoll ist der Weg der Europäischen Ethnologie als Volks-kunde im Umgang mit Innovationen. Erst jagt sie der Fiktion des zuentdeckenden Ursprünglichen nach und betreibt Ursprungsforschungals gleichsam negative Innovationsforschung( und provoziert amenglischen Beispiel Edward P. Thompson zu seiner wunderbaren

1 Vortrag, gehalten am Montag, dem 16.12.1991, im Institut für Volkskunde Wien.