Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Seite
305
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 305–320

Totengedenken am StraßenrandProjektstrategie und Forschungsdesign

Von Konrad Köstlin

I. Das Altenthanner Kreuz

Im November, der als der Totenmonat gilt, als Monat der Trauer,finden sich in den Zeitungen neben der Kulturgeschichte des traditio-nellen Totenbrauchs seit kurzem auch Hinweise auf die neuen Formendes Totengedenkens am Straßenrand. Diese Trauerzeichen, meist alsKreuze gestaltet, verweisen auf eine zeitgenössische Todesform, denUnfalltod. Im Sommer dieses Jahres( 1991) war der WochenzeitungDIE ZEIT ein solches Gedenkzeichen typisch und wichtig genug, umes als Symbol für jene neuen Dimensionen des Straßenverkehrs undder Trauer abzubilden, die nun auch die ehemalige DDR überzogenhatten: Anschlußkreuze sozusagen. Der ARBÖ hat zu Allerheiligen,wie schon in den vergangenen Jahren, auch in diesem Herbst 1000Kreuze mit der Aufschrift Wir gedenken und mahnen ARBÖ anjenen Orten aufstellen lassen, an denen Menschen zu Tode gekommenwaren.¹

Ich möchte um diese Gedenkzeichen herum, nach Geschichte,Erscheinung und Funktion fragend, den Gang einer denkbaren Pro-jektstrategie entwickeln: also methodische und fachspezifische Zu-gänge skizzieren. Unter Forschungsdesign sollen die Darstellungs-form und Fragen der Forschungsmoral angesprochen werden, dieFrage auch, ob wir alles untersuchen müssen.

Ich habe diesen ausgesprochen modernen Gegenstand aus zweier-lei Gründen gewählt. Einmal, weil ich der Meinung bin, daß die Nähezum Alltag und seinen Sachen, die Frage nach dem Selbstverständli-chen, unsere Stärke ist. Zum andern scheinen in den Trauerformenum die Verkehrstoten traditionale Muster auf, die sich an historischeSymbolisierungen der Trauer und des Todes anlehnen und damit auch

1 Wiener Zeitung vom 1. Nov. 1991, S. 6.