Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 293- 304
Zur Dialektik von Anständig und Unanständigim Zivilisationsprozeß
Von Utz Jeggle
Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias hat mit einleuchtendenBeispielen und überzeugenden Ideen die zunehmend komplizierterwerdende ,, Verflechtungsordnung“ der modernen Welt nachgezeich-net. Neben der Installation einer„ staatlichen Ordnung" entsteht dabeider gesellschaftliche Zwang zum Selbstzwang. Neben neuen Formender Angriffslust, der Notwendigkeit zur Langsicht und anderen Um-strukturierungen, die ich hier nicht behandeln kann,' geht es Elias vorallem um eine Erhöhung der Scham- und Peinlichkeits- Schwelle imkörperlichen Bereich.² Er deutet diesen Veranständigungsprozeß desSeelenhaushalts als innenpolitisches Programm der Zivilisationsbe-wegung: was zuvor im Sinnen- und Trieballtag ungeniert ausgelebtwurde, wird durch Regulierungen und Rationalisierungen gehemmt,und die Etablierung der Gefühlsschranke der Peinlichkeit als inneresÄquivalent zur gesellschaftlichen sozialen Kontrolle führt zu ver-stärkter Beschämung. Körperscham ist im Gegensatz zu sozialerScham, wie sie jüngst Sighard Neckel beschrieb, ³ ein inneres Baro-meter, das die Gefühle registriert, die verpönte äußere Reize imInneren auslösen. Die Beschämung ist dabei ein Indikator, daß diePeinlichkeit durch Erziehungsmaßnahmen in die Menschen eingra-viert wird – daß nichts an sich peinlich ist, sondern dies durch gesell-schaftliche Regeln wird.
1 Aus der mittlerweilen umfangreich gewordenen Literatur über Elias möchte ichnur auf zwei Titel hinweisen: Hermann Korte( Hg.): Gesellschaftliche Prozesseund individuelle Praxis. Bochumer Vorlesungen zu Norbert Elias' Zivilisations-theorie. Frankfurt am Main 1990. Helmut Kuzmics, Ingo Mörth( Hg.): Derunendliche Prozeß der Zivilisation. Frankfurt am Main, New York 1991.
2 Norbert Elias: Über den Prozeß der Zivilisation. Frankfurt am Main 1978, speziellBd. 2, S. 369- 434.
3 Sighard Neckel: Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion sozialerUngleichheit. Frankfurt am Main, New York 1991.