1992, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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forschung auf und deutet darauf hin, daß unter anderem auch auf demkulturgeschichtlichen Sektor noch vieles zu erforschen sei, beispielsweiseauf dem Gebiet der religiösen Volkskunde. Die Herausgeber hoffen diesbe-züglich, daß die vorliegende Aufsatzsammlung weitere Forschungsanstößebietet.Nora Czapka
Hermann BAUSINGER, Klaus BEYRER, Gottfried KORFF( Hg.), Rei-sekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München, C. H.Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1991. 416 Seiten, 103 Abb.
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Ein halbes Dutzend Autoren und Autorinnen- Sozial- und Kulturwissen-schafter, Technik- und Religionsgeschichtler, Literatur- und Kunsthistori-ker als Reisebegleiter verheißen eine spannende Expedition ins Thema„ Reisekultur“. Die Stationen nennen sich„ Fragmente"( Martin Scharfe:„ Die alte Straße“),„ Wilde Völkerkunde"( Michael Harbsmeier:„ DeutscheEntdeckungsreisende der frühen Neuzeit“) oder„ Schelme, Schiffbrüchigeund Schaulustige"( Elke Liebs: Robinsonaden und Aventüren als Alibi fürZivilisationskritiker, Gottsucher und Erotomanen). Die Titel signalisierenjournalistische Griffigkeit. Die Beiträge sind erfrischend in ihrer Kürze undWürze. Die Autoren und Autorinnen haben wieder einmal bewiesen, daßWissenschaftlichkeit nicht auf Kosten des Lesegenusses gehen muß. Sienähern sich ihren Zielen auf unterschiedlichsten Fach- Pfaden. Sie packenKenntnis, Erfahrung und auch Subjektives in und zwischen die Zeilen.
Solcher Themen- und Branchenmix ist gefährlich: Allzu oft werdenscheinbar rasch zusammengestellte Gemeinschaftswerke zur Schmetter-lingssammlung. Allzu leicht hätte auch beim weit verzweigten Thema„ Reisekultur“ aus der Entdeckungsreise eine Amokfahrt zwischen Odysseeund UFO werden können. Doch die Herausgeber( Hermann Bausinger,Klaus Beyrer, Gottfried Korff) haben die Route konsequent festgelegt. Esbleibt Zeit zum Verweilen, Abstecher sind erwünscht, aber Irrwege undAusritte kaum möglich: Von„ Alte Wege“ bis„ Neue Perspektiven“ keineFahrt ins Blaue, sondern eine perfekt durchgeplante Tour, die alles Wichtigeenthält. Sieben Etappen folgt ein wissenschaftlicher Anhang mit Fußnotenund Registern. Die Selbstbeschränkung wirkt wohltuend: Man bleibt imeigenen Kulturkreis. Wenn es um die Entdeckung neuer Welten geht, zeigtman diese aus dem Blickwinkel deutscher Forscher oder im Horizont derAuswanderer. Wenn am Beginn die alten Pilgerwege stehen, ist doch auchder Zeitplan mit dreieinhalb Jahrhunderten abgesteckt: Zwischen dem Endedes 30jährigen Krieges, mit Schwerpunkt 18. Jahrhundert, schließt er auchdie Gegenwart ein.