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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVI/ 95
Peter SALNER a kolektív: Taká bola Bratislava. Bratislava, Veda, vyda-tel'stvo Slovenskej akadémie vied, 1991. 200 Seiten, zahlr. Farb- undSchwarzweißphotos.
,, Takä bola Bratislava“ oder„ So war damals Bratislava“ heißt das neueBuch von Peter Salner und seinen Mitautoren, und es ist ein höchst bemer-kenswertes Buch. Es ist ein Buch über eine Stadt, nein, eigentlich vielmehrüber das Leben in einer Stadt, über das Leben ihrer Bewohner. Es ist einmutiges Buch, denn, wenn auch im Vorjahr erschienen, reichen doch Ideeund Vorarbeiten in eine Zeit zurück, die genau das, was hier geschildert wird,das vielfältige, multikulturelle, farbige Leben in all seinen Äußerungenbedrängte, bedrohte und unterband, und es ist ein volkskundliches Buch,nicht nostalgisch und„ die über dreihundert Seiten mit einer Fülle von Farb-und Schwarzweißphotographien reichen bei weitem nicht aus für eine einge-hende Dokumentierung der ganzen Breite des gesellschaftlichen Lebens dieserStadt. Sie können jedoch vieles andeuten und die Zeitgenossen dazu inspirieren,sich im Interesse einer besseren Zukunft das interessanteste und attraktivsteauszuwählen“, wie Peter Salner in der Zusammenfassung schreibt.
Dazu haben Viera Feglová, Daniel Luther, Elena Mannová, Viera Obu-chová und Peter Salner, alle Ethnographen und Historiker an der Slowaki-schen Akademie der Wissenschaften, versucht, das Leben in der StadtBratislava im 20. Jahrhundert von verschiedenen Seiten her zu beleuchtenund zu schildern.
Bratislava war eine Stadt, in der mehrere Sprachen gesprochen, verschie-dene Religionen ausgeübt wurden; eine Stadt der Weinbauern und Arbeiter,der Bürger und Künstler, der Adeligen, der Studenten, der exzentrischenSonderlinge; eine Stadt mit Festen, Bällen, Heurigen, Kaffeehäusern, Märk-ten und Geschäften, mit Nachtleben und Halbwelt. Auffallend ist das blü-hende Vereinsleben. 1919 hatte die Stadt rund 83.000 Einwohner und 17Fußballklubs, in der Zwischenkriegszeit über 600 aktive Vereine verschie-denster Art. Die Donau bot den Fischern den Lebensunterhalt, der Stadtbe-völkerung Möglichkeiten zum Baden, Rudern, für Schiffsausflüge, Erho-lung auch in den Wirtshäusern und Cafés. Hochwasser mit Überschwem-mungen gehörten damals wie jetzt zu den gefürchteten wie bestauntenEreignissen. Heute nur mehr ganz reduziert zu bemerken ist der Korso, jenerfestgelegte Spazierweg, wo man bis Anfang der 70er Jahre„ jeden treffenkonnte“. Radikal beseitigt wurden durch den Bau der neuen Donaubrücke( Most SNP) die übel beleumundeten Viertel unterhalb der Burg, die imKapitel über die Licht- und Schattenseiten behandelt werden. Hätte man dieBrücke allerdings um nur zwei Meter Richtung Westen gebaut, hätte mandas jüdische Viertel mit der Synagoge nicht schleifen müssen. So zeigt dasinnere Umschlagphoto diese Häuser und die Dreifaltigkeitssäule, die jetztdeplaciert neben dem Brückenkopf steht.