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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVI/ 95
sche Erzählung Zweierlei Leben sein( S. 24- 29). Nächtens bei der Verfol-gung einer Viehräuberbande einen Fluß zu überqueren, in dem anderen Landzu heiraten, Kinder zu zeugen und im Alter noch einmal heimzukehren insElternhaus, heißt, daß man, mit der Hauptgestalt sich identifizierend, einenFluß überschritten hat, der uns ein ganzes reiches Leben beschert, aberrückkehrend erleben läßt, daß wir nicht länger als eine einzige Nacht dasElternhaus unserer Jugend verlassen hatten.
Walter Scherf
Georgische Märchen. Übersetzt und herausgegeben von Heinz FÄHN-RICH. Kommentiert unter Mitarbeit von Heinz Mode. Frankfurt a.M., InselVerlag, 1991. 351 Seiten.
Erst vor noch nicht Jahresfrist( ÖZV XLV/ 94 1991, S. 320/321) war übereinen Band mit georgischen Märchen zu berichten; nun liegt abermals eineAusgabe aus dem gleichen Raum vor. Im Unterschied zu dem Band vonBleichsteiner, der seine Texte während des Ersten Weltkrieges bei georgi-schen Kriegsgefangenen gesammelt hatte, bietet der Band von Fähnricheinen Querschnitt durch die reichhaltigen und vielseitigen Sammlungeneinschlägigen Materials. Das schafft eine größere Breite und wird natürlichbeschnitten durch die geringere Spontaneität der Erzählungen. Daran ändertnichts die Tatsache, daß die Geschichten höchst lebendig und einfühlsamübersetzt worden sind.
Fähnrich hat 52 Erzählungen ausgewählt und sie nach einem bisherweniger üblichen Schema eingeteilt in: Verwandlungsmärchen, Tiermär-chen, Märchen von Freundschaft, Märchen vom geschickten Burschen,philosophierende und moralisierende Märchen, Rätselmärchen, Königsmär-chen, denen er eine Einzelgeschichte vorausstellt- Der Tschongurispieler-,die sich in keine der Gruppen einordnen läßt. Die Gliederung als solche magproblematisch sein, für den nicht fachkundigen Leser ist sie vielleichthilfreich. Viele dieser Geschichten sind ja für den mitteleuropäischen Leserungewohnt. Das gilt nicht nur für den Inhalt, ebenso ist der Stil zuweilenfremdartig. Doch gerade diese Differenz zur Welt unserer Volkserzählungencharakterisiert dieses kaukasische Milieu und seine Menschen.
Das Nachwort ist vorzüglich und erklärt mancherlei von dieser faszinie-renden Welt, in der wir auch Stoffen begegnen, die uns altvertraut sind- wiedem Jäger, der eine Hirschkuh findet, welche ein menschliches Kind aufge-zogen hat und in der dennoch die parallelen Motive andere Funktionenübernehmen. Nicht nur die Menschen sind hier anders, ähnlich gilt beimanchen Tieren ein abweichendes Rollenspiel. So kann der Herausgeber imNachwort schreiben:„ Von den Tiergestalten agiert der Bär des öfteren als