Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Seite
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1992, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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Walter HAUG, Burghart WACHINGER( Hg.), Exempel und Exempel-sammlungen( Fortuna vitrea 2), Tübingen, Max Niemeyer 1991, VIII, 317Seiten.

Der vorliegende Band enthält die Beiträge einer Fachtagung, die vom 25.bis 27. November 1988 auf Schloß Reisenburg bei Günzburg stattgefundenhat. Er bestätigt den Trend, daß Exempelforschung nicht nur den Untersu-chungsgegenstand der Volkserzählforschung um einige Jahrhunderte erwei-tert oder der Philologie eine Reihe von noch unbearbeiteten literarischenProduktionen bereitstellt. Das Denken und Reden in Exempeln offenbartsich mehr und mehr als eine der prägendsten Formen der Lebensbewältigungbis zum 18. Jahrhundert, quer durch verschiedene Konfessionen und Bil-dungsschichten. Man ist sich mittlerweile darüber einig, daß Exempel undExempelsammlungen nicht nur von und für Prediger geschaffen wordensind, wenn auch nach wie vor- auch in diesem Tagungsband- ein gewissesÜbergewicht an Einzelstudien zu diesem Spezialbereich des Exempelge-brauchs zu beobachten ist.

Fritz Peter Knapp, Mittelalterliche Erzählgattungen im Lichte scholasti-scher Poetik, stellt modernen Gattungseinteilungen die Systematik derElemente der gefälligen Rede von Engelbert von Admont( 1265- 1321) alsKorrektiv gegenüber. Im Fürstenspiegel Speculum virtutum moralium hatteder Admonter Abt in der Nachfolge von Aristoteles, der Rhetorica adHerennium und Isidors Etymologica die narrativen Redegattungen senten-tia, proverbium, historia sive exemplum, fabula, parabola, aenigma, simil-tudo und metaphora unterschieden. Beachtenswert erscheinen mir dreiErgebnisse: Die kurze Beispielerzählung bekommt von der Scholastik dieFunktion der delectatio zugewiesen; sie schaffe Freundschaft und lasse dieSeele ausruhen. Moderne Gattungseinteilungen müssen auch das subjektiveGattungsbewußtsein der mittelalterlichen Autoren berücksichtigen. Engel-bert rechnete die Heldensagen( als Beispiele führt er u.a. Dietrich von Bern,Karl den Großen und Roland an) zur fabula und nicht zur historia bzw. zumexemplum, versteht sie also im Gegensatz etwa zur großen deutschen Welt-chronik als fingierte Ereignisse.

Von Knapp auf die Spur gebracht, untersucht auch Peter von Moos, DieKunst der Antwort. Exempla und dicta im lateinischen Mittelalter", dieentsprechenden Kapitel über die kleinen Formen der gefälligen Rede beiEngelbert. Auf der- archäologischen- Suche nach Sprechsituationen imMittelalter ist Engelberts Sprechakttheorie für von Moos eine Scherbe nebenChroniken und jenen Exempelsammlungen, die wie der El Conde Lucanor"des Don Manuel( 1335) Gespräche und die Verwendung von exempla

beschreiben.

Klaus Grubmüller, Fabel, Exempel, Allegorese. Über Sinnbildungsver-fahren und Verwendungszusammenhänge, beschäftigt sich mit dem theo-