Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band XLVI/ 95, Wien 1992, 201- 212
Mitteilungen
Ein Leben für die Glocken. Die Glockengießerinnen aus Mähren.Eine volkskundliche Reportage.
Von Vera Mayer
Vor kurzem las ich in der Zeitungirgendwo will man
das Glockenläuten verbieten.
Dadurch reduzieren sich Dezibel- Grade
des erhitzenden Lärmes der Stadt.
Die Glocken sind schuldig.Daher sollten sie schweigen.Ohne Kirchenglockenhätte man nicht genug Metallfür Schrapnelle und Granaten.Kanonen würden schweigen
und es gäbe keine Kriege mehr.Frau Laetitia Dytrych,
eine der letzten,
die sich noch auf das Glockengießen versteht,könnte die Hände in den Schoß legen...( Jaroslav Seifert'}
In ihrer Heimat ist die Glockengießer- Familie Dytrych aus dem kleinenOrt Brodek bei Prerau in der Nähe von Olmütz gut bekannt. Die von ihrgestalteten Glocken erklingen in mehr als 2000 Gemeinden der Tschecho-slowakei. Als Papst Johannes Paul II. im April des Jahres 1990 den mähri-schen Wallfahrtsort Velehrad besuchte, war es nur ein einziges Geschenk,das er gleich mitnahm- eine Glocke, gegossen von der Familie Dytrych.Zur Zeit unseres Besuches im Mai 1990 wurde gerade an einer Replik derPapst- Glocke gearbeitet. Eine Auszeichnung besonderer Art für die heute73jährige Laetitia Dytrych, ihre zwei Töchter Marie Tomášek- Dytrych undMarcela Svoboda- Dytrych, für die 26jährige Enkelin Leticie Tomášek- Dy-trych sowie für den einzigen Mann im Familien- Arbeitsclan, SchwiegersohnJiří Svoboda.
,, Unser Weg war mit Dornen versehen, aber schließlich brachte er Ro-sen“, erzählt Frau Dytrych und erinnert sich an die Zeit vor 40 Jahren( 1990feierte man das 40jährige Bestehen der Werkstatt), als sie gemeinsam mitihrem Mann die Glockengießerei gegründet hat. Die Lebensgeschichtedieser zwei außerordentlichen Menschen hört sich fast ungewöhnlich, wie