1992, Heft 1
Literatur der Volkskunde
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Peuckerts und mit R. Weiss ein, über den Scholze wohl etwas pauschalurteilt, er habe die Großstadtvolkskunde abgelehnt. Des weiteren behandeltder Autor nochmals eingehend L. Schmidt, W. Brepohls Industrievolkskun-de sowie einzelne kleinere Arbeiten zu Fragen der Großstadt, um dann ineine umfangreiche Würdigung der„ kritischen Volkskunde“ H. Bausingersund seiner Tübinger Mitarbeiter zu münden, in der der entscheidende Schrittvon der traditionellen Großstadtvolkskunde zur kulturwissenschaftlichenGroßstadtforschung gesehen wird. Zurecht bezeichnet Scholze die Groß-stadt sowohl für die Vergangenheit als auch für die Gegenwart als eindefizitäres Forschungsfeld unseres Faches und so ist es auch verständlich,daß sein Buch, wie schon angedeutet, über weite Strecken mehr zu einerallgemeinen fachhistorischen Abhandlung geraten ist, die nur mittelbar mitdem Thema Großstadt zu tun hat. Ohne die unbestritten wichtige Rolle derTübinger Schule im mindesten anzweifeln zu wollen, hätte man für diejüngste Vergangenheit aber doch auch auf eine ganze Reihe anderer Zugängeund konkreter Studien zur volkskundlichen Großstadtforschung eingehensollen. Verwiesen sei hier nur exemplarisch auf die intensive Beschäftigungmit Problemen( groß-) städtischer Kultur am Frankfurter Institut für Kultur-anthropologie oder an den Volkskundeinstituten in Zürich und Wien.
Ingo Schneider
Ulli FUCHS, Wolfgang SLAPANSKY, Trümmer und Träume. Alltag inFavoriten 1945- 1955. Wien, Verband Wiener Volksbildung, 1991. 157Seiten, Abb.
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Wem noch die Zitherklänge des„ Dritten Mannes" in den Ohren tönen,der/ die hat vielleicht auch noch krude Schwarz- Weiß- Bilder vor Augen vonweiten geräumigen Manteltaschen und einer besonders gefragten Eigen-schaft dem„ Organisieren“. Zur Lebensbewältigung in den Tagen undMonaten nach Kriegsende gehörte aber genauso geduldiges Anstellen undWarten.„ Einer aus der Familie war dauernd unterwegs zum Anstellen.Was uns heute wie ein Wind aus längst vergangenen Zeiten( oder von fernenOrten, z.B. aus den ehemaligen Ostblock- Staaten) anweht, gerät im Buchvon Fuchs und Slapansky zu einem dichten und äußerst lebendigen StückAlltagsgeschichte das Leben in der Nachkriegszeit im zehnten WienerGemeindebezirk. Lebensmittelkarten und Schwarzmarkt, Wiederaufbauund anschließendes Wirtschaftswunder sind uns allen, zumindest irgendwie,geläufige Schlagwörter. Was dies aber im Einzelfall bedeuten kann, undwelche Tiefen dabei auslotbar sind, steht meistens auf einem anderen Blatt.Zum Beispiel auf diesen Buch- Blättern. Schwarzmarktsituation und allge-meine Not brachten mit sich, daß mit illegalen Geschäften viel Geld zumachen war. Aber abseits der Großkriminalität war man einfach genötigt,
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