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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVI/ 95
Thomas SCHOLZE, Im Lichte der Großstadt. Volkskundliche Erfor-schung metropolitaner Lebensformen(= Neue Aspekte in Kultur- und Kom-munikationswissenschaften, Band 2). Wien, Österr. Kunst- und Kulturver-lag, 1990. 199 S. Abb.
Thomas Scholzes Studie, ursprünglich als Dissertation an der Humboldt-Universität Berlin entstanden, gilt einem speziellen Aspekt volkskundlicherFachgeschichte: der Beschäftigung bzw. Nichtbeschäftigung der deutsch-sprachigen Volkskunde mit dem Forschungsfeld Großstadt. Die Untersu-chung reicht, das ergab sich aus der Forschungslage, von den 20er Jahrenbis in die Gegenwart. Dieser Zeitraum wird aus dem Blickwinkel einesjungen Fachvertreters aus der gerade noch existierenden DDR analysiert.Hier liegt auch der besondere Reiz des Buches. Es befaßt sich nicht nur mitWissenschaftsgeschichte, in gewissem Sinne ist es bereits selbst ein Doku-ment derselben. Der Autor möchte„ die Entwicklung von der Großstadt-volkskunde zur kulturwissenschaftlichen Großstadtforschung in Deutsch-land bzw. in der Bundesrepublik Deutschland, in geringerem Ausmaß auchin Österreich und in der Schweiz“( S. 7) erfassen. Wer sich einen Einblickin die diesbezüglichen Ansätze der Fachkollegen in den jetzt„ neuen“Bundesländern erhoffte, eine Gegenüberstellung mit den Ergebnissen in derBundesrepublik Deutschland, der Schweiz und in Österreich, wird hier alsonicht fündig.
Es ist sattsam bekannt, daß die Volkskunde während des gesamten 19.Jahrhunderts und bis weit in unser Jahrhundert hinein in bewußter Miẞach-tung gesellschaftlicher Realitäten die Beschäftigung mit der industriellenRevolution und ihren Folgen wie auch mit den rasch anwachsenden Groß-städten sträflich vernachlässigte. Nach einem kurzen Rundblick über Ent-wicklungstendenzen der Volkskunde vom 19. Jahrhundert bis zum Ende desErsten Weltkriegs beginnt Scholzes erstes Hauptkapitel mit einer eingehen-den Diskussion A. Spamers theoretischer Konzeption und seinen Ansätzenzur Großstadtvolkskunde. Daran schließen ebenfalls ausführliche Abschnit-te über W.-E. Peuckert und seine wegweisenden Arbeiten zur Erforschungder Arbeiterkultur und L. Schmidts ,, Wiener Volkskunde“. Gut gelungenerscheint die Charakterisierung der Position der nationalsozialistischenVolkskunde zur Großstadt( Bauernverherrlichung, Großstadtfeindlichkeit).Überwog schon in den bisherigen Kapiteln vielfach allgemein wissen-schaftsgeschichtliche Reflexion gegenüber der eigentlich vom Titel desBuches doch mehr zu erwartenden Darstellung konkreter Ergebnisse zumThema Großstadt, so findet diese Tendenz in der Behandlung der Nach-kriegsentwicklung noch eine Verstärkung. Das zweite Hauptkapitel„ DieGroßstadtforschung nach dem Zweiten Weltkrieg" setzt( wie jede wissen-schaftsgeschichtliche Darstellung) mit H. Mauss' kritischer Bilanzierungder deutschen Volkskunde und der auf den Fuß folgenden Erwiderung W.-E.