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Chronik der Volkskunde
ÖZV XLVI/ 95
gefunden hatte, heiratete er 1937 Toni Treppenhauer, eine Berlinerin, die erin London kennengelernt hatte. Wer die beiden Menschen in späterenJahren, wie ich die Gelegenheit hatte, kennenlernen durfte, wird ihreMenschlichkeit, Güte und Kinderliebe nicht vergessen. Schon in seiner 1943erschienenen Dissertation setzte sich Lüthi mit den Unterschieden zwischenden beiden Gattungen Märchen und Sage auseinander, um zu einer„ We-senserfassung und Wesensscheidung“ zu gelangen. Diese Frage ließ ihnnicht mehr los, und es ist sicher nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, daßer, wie kein anderer, unsere Augen und unser Verständnis für das Wesen desMärchens geöffnet hat. Dabei vergaß er über morphologischen und Stilfra-gen des Märchens nie das Menschenbild, das dahinter steht. So wie er selbstals Lehrer und Wissenschaftler ein zutiefst dem Humanen und der Toleranzverpflichteter Mensch war, dessen Güte und Verständnis nicht nur seineSchülerinnen und Schüler bezeugen, sah er doch auch die Gefährdung desMenschlichen- nicht nur im Märchen- sondern auch im realen Leben, aberer sah den Menschen, wie den Märchenhelden, als autonomes Wesen, dasnicht einem dumpfen Schicksal verhaftet ist, und das gab ihm wohl auch dieKraft, sein schweres Schicksal der letzten Jahre nach dem Tod seiner Frau1984 und seiner Lähmung heiter und souverän zu ertragen.
Leander Petzoldt
In memoriam Milovan Gavazzi( 18. 3. 1895 20. 1. 1992)
Ich habe wieder einen Freund verloren. Einen, den ich schon in meinerStudentenzeit 1934 in Graz bei Viktor von Geramb hatte kennen lernendürfen. Vor allem einen, der mir in harten Kriegstagen im Herbst 1943 inAgram/ Zagreb zum wirklich beratenden und helfenden Freunde gewordenwar. Einen, der mir gut ein halbes Jahrhundert lang Sinnbild humanistischenGeistes höchster Menschlichkeit und Vorbild im Wissenschaftlichen meinerfrüh einbekannten und nie verlorenen Vorliebe für eine Volkskunde Südosteu-ropas im Rahmen der nie erreichten Ethnologia Europaea werden hatte können.Einsam ist Milovan Gavazzi mitten unter den grauenhaften Geschehnis-sen, die sein Land Kroatien und sein von ihm so sehr geliebtes Kroaten- Volkauch eben heute noch und – wie zu fürchten ist: vielleicht- auf lange Zeitschwerstens bedrängen, aus dieser friedlosen Welt gegangen. Am 20. Jännerund in seinem 97. Lebensjahre! Generationen von Freunden, Kollegen undStudenten trauern um ihn. Milovan Gavazzi entstammt einer alt-österreichisch- kroatischen Gelehrtenfamilie. Sein Vater Artur( 1861-1944)hatte in Agram Geographie studiert, in Wien 1891 promoviert und in Agram,Laibach und wieder in Agram als bedeutender Hochschullehrer Klimatolo-gie, Hydrographie und Meereskunde gelehrt. Der Sohn Milovan wurde 1895