1992, Heft 1
Chronik der Volkskunde
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19. Jahrhunderts widmeten und dabei das„ ganze Haus" und die Umsetzungdieses Konstrukts einer konservativen Sozialphilosophie in landes-, natio-nal- und kulturgeschichtsmusealer Ausstellungspraxis zum Exempel erho-ben. Wieder zurück ins unmittelbare Präsens holte das Auditorium RudolfSchenda, der mit der„ Computerisierung immer breiterer Schichten derBevölkerung“ ein Phänomen unserer Tage aufgriff, dessen Folgen in einemneuen Bildungsgefälle angesichts dieser hochgezüchteten Technologie zwi-schen jung und alt, Mann und Frau( wobei auch geschlechtsspezifischeSozialisationsunterschiede etwa im Computerspielwesen- Stichwort„ ga-me- boy“ diagnostiziert wurden), Nord und Süd oder Ost und West sichmanifestierten. Und wenn das solcherart neu kreierte„ Herrschaftswissen“hinsichtlich gesellschaftlicher Reaktionen und Bewältigungsstrategien mitder historischen Evolution des Buchmarktes durchaus vergleichbar ist,attestierte ihm Schenda eine, dem ungleich komplexeren Wirkungsgradentsprechend gänzlich neue Qualität der zu erwartenden Konsequenzen undwarnte vor einem„ neuen Analphabetismus“ nicht nur des einzelnen( inklu-sive des einzelnen Geisteswissenschaftlers), sondern auch der Öffentlich-keit, die den Zugriff auf die unnahbar- allwissenden vernetzten Systeme unddamit ,, auf jene Knöpfe, die die Welt vernichten", längst verloren hat. AuchKonrad Köstlin blieb mit seinem Referat am Puls unserer Zeit und Gesell-schaft, indem er„ eine Fährte durch das Menschheitsthema, Krieg"" legte.Köstlin stellte angesichts der heutigen bis zur Perfektion gereiften techni-schen Raffinesse dieser in der Tat höchst„ unzeitgemäßen Form der Ausein-andersetzung“, wie sie etwa im letzten Golfkonflikt vorexerziert wurde,nicht nur das ,, doppelte Gesicht der Ungleichzeitigkeit“ vor Augen, sondernauch die Frage, wie wir es aushalten, den Krieg zu erklären“, und ortetedabei eine popularisierte Irrationalität archaischer Provenienz als eine„ höchst moderne Kulturtechnik, die Krieg und Moderne zwar kontrastivtraktiert, aber gerade in ihrer Widersprüchlichkeit zum Akzent der Modernezurechtinterpretiert". Die anschließende Diskussion mündete- angesichtsdes zu diesem Zeitpunkt noch anstehenden Antrags auf o.a. Resolutionwieder in jene über die politische Verantwortung und die praktischen Mög-lichkeiten der„ institutionalisierten Zweifelanstalt“( Köstlin) namens Wis-senschaft, und hinterließen beim Zuhörer den Eindruck eines hilflos- halb-herzigen Versuchs, in Auseinandersetzung mit tagespolitischen Grauslich-keiten aus dem vielzitierten Elfenbeinturm auszubrechen. Und hinsichtlichder Frage, wie wissenschaftliche Kompetenz in gesellschaftliche umschlägt,wurde er nur durch ein weiteres Anschauungsstück über die Tatsache bereichert,daß auch dort Aggression sich einschleicht, wo Leute akademischer Provenienzangeblich ohnehin einer Meinung sind. Doch wenn andrerseits mit Rechtallenthalben moniert wurde und wird, daß das starre Schema eines Kongressesder Diskussion wenig förderlich sei, war man für die verbalen Kleinsträuße,wie sie hier ausgefochten wurden, eigentlich auch wieder dankbar.