1992, Heft 1
Chronik der Volkskunde
28. Deutscher Volkskunde- Kongreß in Hagen/
Nordrhein- Westfalen
,, Der industrialisierte Mensch❝vom 7. bis 11. Oktober 1991
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Ein Jahrzehnt bzw.( nach diesfalls angemessenerer Zeitrechnung) fünfDGV- Kongresse ist es nun her, daß Helmut P. Fielhauer sich seine- amRande nur notierten und wohl nicht allgemein registrierten- Gedanken überden Stil dieser Art Großveranstaltungen der Disziplin gemacht hat. Voneiner„ gewissen Überproduktion( im Wissens- Schaffen) zum Nachteil vonSinnfrage und Bedürfnis“ war da die Rede, die„ Eigenbewegung und Be-harrung( der Wissenschaften) gegenüber der Wirklichkeit“ wurde moniert.Ob und wieweit man sich diesen Vorwürfen anschließt, mag von der jewei-ligen Erwartungshaltung abhängen. Jedenfalls konnte der Berichterstattersich des Eindrucks nicht erwehren, daß auch die hier angezeigte Tagungeiner fachlichen„ Mustermess( e) vergleichbar( war), auf de( r) das Neuesteund Beste geboten werden will, das aber keineswegs immer den augenblick-lichen Anliegen der Anwesenden entspricht".²
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Dabei konnten sich die Teilnehmer des 28. Deutschen Volkskunde- Kon-gresses der in Hagen/ Westfalen unter der Ägide des westfälischen Frei-lichtmuseums Hagen- Landesmuseum für Handwerk und Technik und desLandschaftsverbandes Westfalen- Lippe vom 7. bis 11. Oktober 1991 überdie Bühne ging- prima vista samt und sonders als dessen Gegenstand undso als unmittelbar Betroffene fühlen. Denn auf dem Programm stand der,, industrialisierte Mensch“ und damit ein Thema zur Diskussion, mit demjeder einzelne angesprochen ist und das so ziemlich alle Bereiche undFacetten seiner Existenz in der Gegenwart( einer, wie man allerdings dazu-sagen muß, Gegenwart unserer westlichen sog. Zivilisationsgesellschaft)berührt. Dabei eignet der Thematik eine Ambivalenz, auf die der scheidendeDGV- Vorsitzende Helge Gerndt in seiner Eröffnungsrede hinwies: Einer-seits ist das, was mit dem Schlagwort der„ Industrialisierung" wenig präzisegenug benannt wird, gerade im derzeitigen Entwicklungsstadium ein Phä-nomen, das, in seiner auch die letzten Nischen materieller Lebensumständeerfassenden Totalität, menschliches Bewußtsein nach seinem Maße formtund tatsächlich das vor über vierzig Jahren von Horkheimer und Adornogefällte Urteil vollstreckt, daß„ die Individuen gar keine sind, sondern bloßeVerkehrsknotenpunkte der Tendenzen des Allgemeinen"; zum anderen wirdIndustrie allemal auch„ vom Menschen gemacht“( Gerndt)- und ist so auchureigenstes Sujet gerade eines Faches, das von der Alltagserfahrung ausgehtund dessen Aufgabe und Stärke, wie Hermann Bausinger in seinem Schluß-vortrag erinnerte, gerade in der Be- und Aufarbeitung der„ Mikrostrukturdes Alltags" liegt.