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Chronik der Volkskunde
ÖZV XLVI/ 95
EURETHNO'93
Perspektiven einer zukünftigen Zusammenarbeitder europäischen Volkskundemuseen
Auf Initiative des französischen Musée national des arts et traditionspopulaires( MNATP) in Paris und des Französischen Nationalkomitees desICOM ist der Plan entwickelt worden, im Februar 1993, d.h. zum Zeitpunktder Verwirklichung der Europäischen Wirtschaftsunion, in Paris einen ge-samteuropäischen Kongreß der Volkskundemuseen zu veranstalten mit demTitel:„ Premières Rencontres Européennes des Musées d'Ethnographie“.
In diesem Zusammenhang ist in diesem Jahr eine internationale Arbeits-gruppe tätig geworden, welcher von österreichischer Seite Klaus Beitl undEva Kausel angehören. Diese Arbeitsgruppe hat in bisher zwei Zusammen-künften am 10. und 11. Juli 1991 in Paris und am 22. und 23. November1991 in Wien unter der Leitung von Martine Jaoul, Conservateur amMNATP in Paris, ein entsprechendes inhaltliches und organisatorischesKonzept entwickelt, welches hier bekanntgegeben werden darf. Für dasProjekt wurde das Wortsigel„ Eurethno'93" gewählt.
Folgende Überlegungen liegen dem Projekt der„ Premières RencontresEuropéennes des Musées d'Ethnographie“ zugrunde:
In Westeuropa ist die bestehende kulturelle Vielfalt zunehmend gefähr-det. Industrialisierung und Urbanisierung, Monokulturen und Rückgang derbäuerlichen Bevölkerung, rasanter technischer Fortschritt und weltweiteAngleichung der Wirtschaft und der Moden bringen die bisherigen Verschie-denheiten zum Verschwinden und lassen Erscheinungen der Volkskulturimmer mehr der Vergangenheit angehören; auf der einen Seite. Auf deranderen Seite begegnet das historische Kulturerbe einem ständig vermehr-ten Interesse, was sich für die Volkskunde nicht zuletzt in einer bisher nichtgekannten Vermehrung von lokalen und regionalen Museen kundtut.
In Osteuropa wiederum erwacht nach Jahrzehnten der Unterdrückungund Gleichschaltung das Bewußtsein eigener Identitäten. Mit einer biswei-len unerwarteten Heftigkeit gelangt dieses Identitätsbewußtsein zum Durch-bruch. Arbeitstechniken, Verhaltensweisen und Vorstellungen, wie sie imWesten längst der Vergangenheit anzugehören scheinen, sind hier offen-sichtlich weitgehend unberührt erhalten geblieben. Dementsprechend zahl-reich sind dort Volkskundemuseen mit einem unvergleichlichen Reichtuman aufgesammeltem Kulturgut.
So gesehen, gehören diejenigen, denen diese Museen von Berufs wegenanvertraut sind, zu den ersten, die die ungemeine Vielfalt der Kulturen desalten europäischen Kontinents erkennen und den darin begründeten Reich-tum als Voraussetzung für die Schaffung eines Europas von morgen richtigeinschätzen können.