Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band XLVI/ 95, Wien 1992, 51–66
Mitteilungen
Fünf Jahre Lehre am Wiener Volkskunde- Institut- ein Bericht
Von Gertraud Liesenfeld
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Im Rahmen des Vortragsprogrammes des Vereins für Volkskunde solltenim Jahre 1991- in einer Art institutionellem Brückenschlag die volks-kundlichen Hochschulinstitute unseres Landes einer interessierten Öffent-lichkeit und vor allem den Mitgliedern des Vereins vorgestellt werden. Dienicht habilitierten Vertreter des universitären Mittelbaues der drei österrei-chischen Lehr- und Forschungsstätten wurden ersucht,„ aus der Schule zuplaudern“ und darüber zu referieren, was dort geschieht, wie dort Volkskun-de betrieben und wie derzeit ihre eigenen Lehr- und Forschungsschwerpunk-te aussehen. Da es sich im folgenden nicht so sehr um einen Aufsatz alsvielmehr um einen Bericht handelt, in dem bewußt auf Literaturverweiseverzichtet wurde, erschien mir die Plazierung der schriftlichen Fassungmeines Referates innerhalb der Rubrik„ Mitteilungen“ dieser Zeitschriftpassender als im Aufsatzteil.
Bevor ich in medias res gehe, einige Worte zu meiner Person: Vor Beginndes Studiums der Volkskunde 1975( ich schloß es 1982 ab) übte ich zehnJahre lang den Beruf einer radiologisch- technischen Assistentin aus; einBeruf, der retrospektiv betrachtet- sich als gar keine schlechte Vor- undEinschulung in die Volkskunde" erwies. Denn wenn mir auch meinedamalige Tätigkeit zuweilen recht eintönig und manchmal mehr oder weni-ger auf's rein Technische reduziert erschien( und darum habe ich mich jaschließlich zum Berufswechsel entschlossen)- als Röntgenassistentin hatman es doch immer auch und gerade mit Menschen und konkreten Men-schenschicksalen zu tun, und für mich zumindest waren neben den medizi-nischen Befunden stets auch die individuellen Lebenszusammenhänge derPatienten interessant, die da wegen eines Unfalles oder etwa einer plötzlichnotwendig gewordenen Operation aus ihren Gewohnheiten, ihrem vertrau-ten Alltag herausgerissen wurden. So waren mir, zwar in mehr oder wenigerunreflektierter und unsystematischer Weise, Probleme oder Problemstellun-gen vertraut, die ich dann später durch die Volkskunde als einem Fach,dessen zentrales Erkenntnisinteresse der Mensch in all seinen Lebensäuße-rungen ist, in weiteren Zusammenhängen und präziserer Artikulation sehenund begreifen lernte. Dabei trugen die Anstellung als Studienassistentin