18
Ingo Schneider
1992, Heft 1
eine aus der Todesangst rührende tiefe Verzweiflung, die Angst vorder Einsamkeit und bei der Frau eine in der Ausweglosigkeit derSituation begründete Gleichgültigkeit. ,, Was kümmert mich, wasden anderen passiert." 41 Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenenLeben und dem ihrer Freier bestimmen auch das Handeln der drogen-abhängigen Prostituierten, die nur auf den Strich geht,„ wenn icheinfach dringend Geld brauch' halt". Auf die Frage des Reporters, obsie sich nicht überlegt habe, daß sie Ihre Freier anstecken könnte,erwidert sie:„ Überlegt schon. Aber ich sag' dir ehrlich: es ist mirwurscht." Und auf die Perspektive einer grundsätzlichen Änderungihres Lebens angesprochen, kommt die Antwort:„ Und was soll ichtun? Entzug. Und dann? Mich beim Billa[ Lebensmitteldiskontkette,I. S.] vorstellen, ob sie nicht eine Aids- verseuchte Fixerin, die auf denStrich gegangen ist, für die Kassa brauchen. No Chance. Dazu hab'ich nicht mehr die Power." Die Antworten der Fixerin führen nichtnur die Fatalität ihrer speziellen Situation vor Augen, sondern verwei-sen auf die Lage von Aids- Infizierten in unserer Gesellschaft über-haupt. Die anhand der Interviews kurz angedeuteten Schicksale sindkeine Einzelfälle. Es ist vielmehr davon auszugehen, daß dies durch-aus normal, daß dies Durchschnitt ist. Man muß nur bedenken, daßfür Drogenabhängige, bei denen die Durchseuchungsrate besondershoch ist, die Geheimprostitution neben der Beschaffungskriminalitäthäufig die einzige Möglichkeit zur Besorgung der erforderlichenGeldmittel bildet. In der bereits zitierten Aids- Studie wurden für 1988bei geschätzten 4.000 bis 6.000 intravenös Drogenabhängigen inÖsterreich 2.000 HIV- Positive ermittelt. Davon sind ca. ein Drittel,also 700, Frauen, von denen wiederum 100 der Geheimprostitutionnachgehen. Über den Anteil HIV- Positiver an den männlichen Prosti-tuierten enthält die Studie keine Angaben.42 Die Zeitschrift Wienerberichtet aber auch über Fälle, in denen Gruppen HIV- Positivergezielt gemeinsam agieren, um möglichst viele Mitmenschen mitAids zu infizieren. Im November 86 sei in London eine Gruppe von18 HIV- positiven Strichjungen zwischen 15 und 19 Jahren aufgedecktworden, die genau dieses Ziel, möglichst viele Freier mit in den Todzu nehmen, verfolgten. 43 Bereits ein Jahr zuvor erschien in einerdeutschen Zeitschrift ein Interview mit der Sprecherin einer Gruppe
41 Wiener, Feber 1987, S. 28.
42 W. Dür u.a.( Hg.)( wie Anm. 2), S. 127- 129.43 Wiener, Feber 1987, S. 26.