Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
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1992, Heft 1

Geschichten über AIDS

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2.2. Die alltägliche Infektion- Zur Realität des Aids- Terrorismus

Wenn man sich auch nur ein bißchen die Realität von Aids, vorallem die psychische Situation von HIV- Positiven vor Augen hält,wird klar, daß die bewußte, also mit Wissen des Infizierten erfolgendeÜbertragung ganz alltäglich ist. Tageszeitungen und Zeitschriftenbieten auch dafür wichtiges Quellenmaterial. Da wird z.B. wiederholtüber Gerichtsverhandlungen berichtet, die zur Verurteilung aidsinfi-zierter Männer und Frauen führten, die sexuelle Kontakte hatten, ohneihre Partner über ihre Infektion aufzuklären oder Schutzmaßnahmenzu treffen. Das Zeitschriftenarchiv des Instituts für Gegenwartsvolks-kunde in Mattersburg verwahrt Belege über vier derartige Fälle alleininnerhalb eines Jahres; zwei davon betrafen österreichische Gerichte.Im Sommer 1988 wurde in Linz eine Prostituierte zu einem Jahrunbedingt verurteilt, da sie trotz Aids- Infektion ihren Beruf ausübte.38In Eisenstadt kam eine HIV- positive Frau, die ihrem Freund ihreInfektion verschwiegen hatte mit einer bedingten Strafe davon.39Systematische Nachforschungen in den Gerichten würden ohneZweifel weiteres Belegmaterial erbringen. Diese Arbeit konnte imRahmen dieser kleinen Studie nicht geleistet werden, schien aber indiesem Zusammenhang auch nicht erforderlich. 40 Im Feber 1987brachte die Zeitschrift Wiener unter dem Titel Die Aids- Terroristen"eine ausführliche Reportage über das Thema der bewußten Anstek-kung. Der Artikel ging von der bereits behandelten Willkommen imAids- Club" Geschichte aus und endete mit Interviews dreier Aids- In-fizierter aus unterschiedlichen Milieus; einer 34jährigen heterosexu-ellen Frau, einem 22jährigen homosexuellen Mann und einer 28jäh-rigen drogenabhängigen Prostituierten. Alle drei setzen, teilweisezwar eingeschränkt, ihr Sexualleben weiter fort, ohne ihre wechseln-den Partner über ihre Infektion aufzuklären. Die Gespräche mit ihnengewähren einen Einblick in die Hintergründe und Motive der alltäg-lichen Aids- Infektion. Bei der heterosexuellen Frau und dem homo-sexuellen Mann sind es auf der einen Seite die Unmöglichkeit desTriebverzichts und die Angst, keinen Sexualpartner mehr zu bekom-men, wenn man seine Infektion offen eingestünde. Dazu kommt noch

38 Wiener Zeitung, 8.7.1988.

39 Kurier, 21.12.1988.

40 Zur geltenden Rechtslage in Österreich siehe Christian Kopetzki, RechtlicheAspekte von Aids. In W. Dür u.a.( Hg.)( wie Anm. 2), S. 433- 466.