Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
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Ingo Schneider

1992, Heft 1

auf diese Weise, hatte eine große österreichische Zeitung unter derSchlagzeile Aids- Kranker infiziert Schulkinder" über folgendes anzahlreichen Wiener Schulen verbreitete Gerücht berichtet. ,, Auf demWiener Karlsplatz[ bekannt als Treffpunkt der Drogenszene; I. S.]läuft ein Aids- Kranker umher, überfällt Kinder und spritzt ihnen miteiner Injektionsnadel das tödliche Virus. Zahlreiche Opfer sind be-reits erkrankt!" 27 Unter anderen habe eine 10jährige Schülerin dieGeschichte in ihrer Klasse erzählt, um sich wichtig zu machen, unddamit einige Panik verursacht. Kinder seien, so heißt es weiter, derartverunsichert gewesen, daß sie sich nicht mehr alleine nach Hausegetraut hätten. Der Artikel dementiert das Gerücht letztlich eindeutig.Das ist der Schlagzeile allerdings nicht zu entnehmen. Dazu muß manden Text genauer lesen. Jedenfalls stellt die Meldung ein Indiz für dieLebendigkeit des Gerüchts dar und mag wohl auch zu dessen weitererVerbreitung beigetragen haben.

2. Kontext

2.1. Wahr, wirklich, realistisch, glaubwürdig, möglich

Schon die Brüder Grimm bescheinigten bekanntlich der Sage ge-genüber dem Märchen größere Realitätsnähe 28 und eine bereits vorden Grimms für die Sage gebräuchliche Bezeichnung lautete alteWahrheiten".29 So ist es auch eines der unbestrittenen Merkmale dercontemporary legends, daß sie in der mündlichen und teilweise auchschriftlichen Tradition als wahre Begebenheiten erzählt bzw. wieder-gegeben werden. It's true, it happened to a friend oder die Ge-schichte ist leider nicht erfunden, sondern wahr sind immer wieder-kehrende Eingangsfloskeln moderner Sagen, durchaus vergleichbarmit dem Es war einmal des Märchens. Für eine Analyse des Kon-texts moderner Sagen wäre es freilich zu kurz gegriffen, würde manlediglich nachprüfen, ob die erzählten Geschichten wahr oder erfun-den sind. Hier gilt es, sehr viel differenzierter vorzugehen. Sicher wirdman, soweit möglich, die Faktizität des Mitgeteilten klären. Dies

27 Kronenzeitung, 17.4.1991, S. 10.

28 Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsche Sagen. 5. Aufl. München 1981( Reprintder 3. Aufl. 1891), S. 7.

29 Vgl. R. W. Brednich, Spinne( wie Anm. 4), S. 6.