Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
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1992, Heft 1

Geschichten über AIDS

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äußeren Verletzungen. Aber nach einer gewissen Zeit haben die Beamteneine Injektionsnadel im Oberarm festgestellt und nach weiterer Untersu-chung in der Jackentasche einen Zettel: Auch Weiße haben jetzt Aids!" 25Bei den Berichten über den Aids- Stecher in der Wiener U- Bahnbildet die versuchte Ansteckung mit Aids dagegen eindeutig dasHauptmotiv. Der Vergleich mit anderen Geschichten über Spritzenat-tentate und ähnliche Vorkommnisse in Sammlungen gegenwärtigerSagen in Schweden, Deutschland und den USA läßt auch den Fall des,, Aids- Stechers von Favoriten" in die Nähe der contemporary legendsrücken, obwohl oder gerade weil die Redakteurin jener Wiener Be-zirkszeitung, in der über den Aids- Stecher berichtet wurde, keinenZweifel an der Realität der geschilderten Vorfälle aufkommen lassenmöchte. Die Wiener Kulturzeitschrift Der Falter ist den Berichten desGratisblattes Hallo Nachbarn nachgegangen und hat verschiedeneAngaben aus den Meldungen nachgeprüft und widerlegt26. So ließensich unter anderem die in der Bezirkszeitung angeführten polizeili-chen Ermittlungen nicht bestätigen. Der Falter bezeichnete die Ge-schichte als modernen Mythos, zog die Berichte des Angst undUnsicherheit verbreitenden Blättchens ins Lächerliche, wollte aberauch aufklären und entwarnen. Da der Leserkreis der beiden Zeit-schriften wohl nur in geringem Maße übereinstimmt, dürfte die Ent-warnung auf diesem Wege nicht sehr erfolgreich gewesen sein. DerFalter berichtet allerdings auch, und dies ist für uns von besonderemInteresse ,,, daß die Fama vom Wahnsinnigen, der harmlose Passanteninfiziert, sich beim Pausentratsch in diversen Büros wie eine an-steckende Krankheit verbreitet", daß die Zahl derjenigen, die jeman-den kennen, der jemanden kennt, der in der U- Bahn verseucht"wurde, ständig steige. Solche Gerüchte hielten dann allerdings einerÜberprüfung nie stand.

Die Geschichte vom Aids- Stecher scheint auch unter Schulkindernumgegangen zu sein. Im September 1991 erhielt ich einen Anruf des,, Kinder- und Jugendamtes" in Wien, dem ich offenbar als Fachmannin Sachen Aids- Gerüchten empfohlen worden war. Aufgrund vonAnfragen besorgter Mütter wollte man wissen, ob an den Geschichtenvom Aids- Stecher etwas Wahres sei. Bereits im April 1991, erfuhr ich

25 Fischer, Rattenhund, Nr. 59.

26 Der Falter 19, 1991, S. 11. Für den Hinweis auf den Artikel im Falter danke ichmeinem Kollegen Reinhard Johler.