1992, Heft 1
Geschichten über AIDS
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U- Bahnfahrt"( 21.3.1991), ein knappes Monat darauf„ Immer mehrOpfer"( 18.4.1991) und ein halbes Jahr später„ Nach Stichattentat inFavoriten. Beschreibung des Täters"( 10.10.1991). Der erste Fallwurde folgendermaßen geschildert.
Ende Oktober vergangenen Jahres erwischte es die 27jährige ManuelaRuttner aus der Donaustadt. Die junge Frau spürte nächst der U- Bahn-station Kaisermühlen einen leichten Stich im Oberarm, maß dem aberkeine Bedeutung bei. Zwei Tage später bemerkte sie an dieser Stelle desOberarmes, an dem sie den Stich verspürt hatte, einen runden, im Durch-messer etwa drei Zentimeter großen, roten Fleck. Der Hausarzt fand keineErklärung für diesen„ Ausschlag“ und überwies die 27jährige zum Haut-arzt, der unter anderen Tests auch einen nach HIV- Positiv verordnete. Dastraurige Untersuchungsergebnis: Aids- infiziert. 18
Name geändert.
In derselben Ausgabe der Zeitung wurde noch ein weiterer, fastgleich verlaufender Fall angeführt. Und vier Wochen später hatte dieRedakteurin bereits sechs weitere„ Spritzen- Attentate" ermittelt. Tat-ort war immer die Wiener U- Bahn. Auch der Hergang wurde jeweilsin derselben Weise beschrieben. Einmal habe ein Opfer den„ Aids-Stecher" sogar zur Rede gestellt und die Antwort erhalten:„ Ha, jetztbist a verseicht!" 19 Bei der Lektüre der Zeitungsberichte drängt sichunweigerlich der Verdacht auf, hier werde die neueste Variante einerAids- Sage, das logische Pendant zum„ Sexual- Attentat" kolportiert.In der Tat sind„ Spritzen- Attentate“ der modernen Erzählforschungnicht neu. In der schwedischen Sammlung B. of Klintbergs findet sicheine Sage„ Die Spritze in der U- Bahn", die unter den über dieStockholmer U- Bahn erzählten Geschichten die am weitesten ver-breitete sei.20 Der Stich erfolgt in dieser Sage während der U- Bahn-fahrt, das Opfer ist daraufhin benommen. Die Spritze enthält Rausch-gift. Das Tatmotiv ist die Erzeugung von Drogenabhängigkeit. Angstvor Drogen und Dealern drückt sich auch in einem anderen weitverbreiteten Typus einer contemporary legend, der„ LSD- auf- Ab-ziehbildchen"- Geschichte aus.221 Die Geschichte mit der Spritze ist18 Hallo Nachbarn, Nr. 4, 21.3.1991.
19 Hallo Nachbarn, Nr. 8, 18.4.1991.20 af Klintberg, Ratte( wie Anm. 4), Nr. 16.
21 Vgl. dazu Jan H. Brunvand, The Choking Doberman, New York, London 1984,„ Mickey Mouse Acid", S. 162- 169. Über Verbreitung und Kontext der„ LSDauf Abziehbildchen"-Geschichte in Österreich hat der Verfasser bei seinemVortrag im Mai 1990 im Österr. Museum für Volkskunde bereits ausfühlrich