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Ingo Schneider
1992, Heft 1
bestätigten den großen Bekanntheitsgrad beider Varianten der Aids-Sage in Österreich. Unter den von mir Befragten( Altersgruppe 20-40 Jahre) war kaum jemand, der die Geschichte nicht irgenwanneinmal gehört oder gelesen hatte. Nach der Glaubwürdigkeit bzw. dersubjektiven Interpretation gefragt, erhielt ich von den Gewährsleutenmeist die Antwort: sie selbst hätten immer Zweifel gehabt, aberderjenige, der ihnen die Geschichte erzählt habe, war felsenfest davonüberzeugt, teilweise sei der Vorfall einem Bekannten des Erzählerspassiert. Hier werden wesentliche Merkmale der Überlieferung deut-lich: der Wahrheitsanspruch wird durch Verlagerung in den Bekann-tenkreis bestärkt. 14 Die Geschichte des„ One- Night- Stands", dessentrauriges Ergebnis am nächsten Morgen mit Lippenstift am Badezim-mer abzulesen war, findet sich, das sei hier nur der Vollständigkeithalber erwähnt, natürlich auch bei Brednich¹s, Fischer¹ und in derfinnischen Sammlung L. Virtanens¹7.
1.2. Der Aids- Stecher
Abgesehen von der Übertragung durch homo- oder heterosexuelleKontakte besteht das größte Infektionsrisiko wohl in der Szene derintravenös Drogenabhängigen durch die gemeinsame, mehrmaligeVerwendung von Injektionsnadeln( needle sharing). Ursache dafür istder Mangel an Einwegspritzen, bzw. die Schwierigkeiten für Sucht-kranke zu Spritzen zu kommen. Der Aids- Virus ist bekanntlich nichtnur durch Sexualsekrete, sondern ebenso durch Blut übertragbar. Seitdem Frühjahr 1991 erschienen in der Wiener Bezirkszeitung HalloNachbarn wiederholt Artikel über Fälle versuchter Aids- Infektionmittels einer gebrauchten Injektionsnadel. Ein Aids- Kranker oderHIV- positiver Drogenabhängiger soll in der Wiener U- Bahn willkür-lich mehrere Passanten in der Absicht, sie mit Aids zu infizieren, miteiner alten Spritze gestochen haben. Die Ankündigung dieser„ Exklu-sivberichte“ nahm jeweils die Titelseiten des kleinformatigen Blattesfast bzw. zur Gänze ein. Die erste Schlagzeile lautete„ Aids nach
14 Zu den Merkmalen gegenwärtiger Geschichten vgl. z.B. Dorota Simonides,Moderne Sagenbildung im polnischen Großstadtmilieu. In: Fabula 28( 1987),S. 269 278, hier S. 276.
15 Brednich, Spinne( wie Anm. 4), Nr. 33a.
16 Fischer, Rattenhund( wie Anm. 4), Nr. 57.
17 Lea Virtanen, Varastetta isoäiti. Helsinki 1987, Nr. 45.