Jahrgang 
95 (1992) / N.S. 46
Einzelbild herunterladen
 

6

"

Ingo Schneider

1992, Heft 1

Päckchen verpackt, das neben der auf einen Zettel geschriebenenBotschaft Willkommen im Aids- Club" eine tote Ratte enthält. ImDezember 1990 berichtet die österreichische Zeitung Volksstimmeunter der Rubrik Nachgefragt noch einmal über einen derartigenVorfall, diesmal in Form eines Interviews, das einige interessanteAspekte für die spätere Kontextanalyse enthält.

Wie bist du über deine Infektion informiert worden?Karin: Durch ein Packerl.

Wie bitte?

Karin: Ich war im Frühjahr in den USA. Da habe ich einen netten Mannkennengelernt, und er brachte mir zum Flugzeug ein Packerl als Ab-schiedsgeschenk. Ich dürfte es erst im Flugzeug aufmachen. Als ich esdann öffnete, war ein Törtchen drinnen mit der Aufschrift ,, Welcome InThe Aids- Club." In Wien habe ich mich sofort untersuchen lassen. Tat-sächlich, ich war HIV- positiv.

Das war ein schlechter Scherz, den ich irgendwann schon einmal in derZeitung gelesen habe.

Karin: Der leider wahr ist. In den USA entwickelt sich ein regelrechterAids- Terrorismus. Indem die Infizierten bewußt Gesunde anstecken,wollen sie die Öffentlichkeit auf ihre schlimme Lage aufmerksam ma-chen.

In Österreich gibt es das aber nicht?

Karin: Mir ist auch nichts bekannt. Hier gab es bisher die hervorragendeBeratungs- und Betreuungsarbeit der Aids- Hilfe.

Die geht in Konkurs.

Karin: Ja, leider. Vielleicht gelingt es einer von uns, den Gesundheitsmi-nister zu verführen, damit er mehr Verständnis für unsere Problemeentwickelt. Wir sind ja alle psychisch total fertig, da kann leicht wereinmal durchdrehen.

Wie kann man dir helfen?

Karin: Indem man uns vor allem nicht ausgrenzt und isoliert, sich dieFreunde nicht von uns abwenden. Die zunehmende Einsamkeit, die icherlebe, macht mich fertig. Übrigens- möchtest du mich nicht heute abendbesuchen? ¹²

An sich wird hier abermals die gleiche Geschichte erzählt, nur daẞsie diesmal in den USA spielt und das Päckchen anstelle der totenRatte ein Törtchen, was freilich nicht weniger makaber ist, enthält.Die HIV- infizierte Karin spricht, dies sei hier in Hinblick auf dieAnalyse der Hintergründe dieser Geschichten nur kurz hervorgeho-12 Volksstimme 2./3.12.1990.