Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band XLVI/ 95, Wien 1992, 1 – 27
Geschichten über AIDS
Zum Verhältnis von Sage und Wirklichkeit
Von Ingo Schneider
Zu dem Sterben der Meere und Seen und Wälder, dem unge-hinderten Bevölkerungswachstum in den armen Gegenden derWelt, Atomunfällen wie Tschernobyl, der Durchlöcherungund Abtragung der Ozonschicht, der ständigen Gefahr einesatomaren Schlagabtausches zwischen den Supermächtenoder eines atomaren Überfalls durch einen der Einzelgänger-staaten, die nicht der Kontrolle einer Supermacht unterste-hen- zu all dem kommt nun Aids hinzu.
Gut zehn Jahre sind seit dem Bekanntwerden der ersten Aids- Fällein den USA vergangen. In einer Zeit, in der man glaubte, die großen,lebensbedrohenden Infektionskrankheiten( Pest, Cholera, Syphilis)entgültig überwunden zu haben, breitete sich eine neue, todbringende,epidemische Krankheit innerhalb nur eines Jahrzehnts über den gan-zen Erdball aus. Aids kann längst nicht mehr als Krankheit bestimmterRisikogruppen( Homosexuelle, Drogenabhängige) bezeichnet wer-den, auch wenn dieses Bild in der Öffentlichkeit noch immer vor-herrscht. Aids bedroht prinzipiell jede( r) mann(-frau) und betrifft letz-ten Endes direkt oder indirekt uns alle. In Susan Sontags apokalypti-schem Szenario liegt denn auch keine essayistische Übertreibung. Esist nicht die Horrorvision einer pessimistischen Intellektuellen, son-dern eine maẞvolle Einschätzung der Realität. Aids ist eine globaleGefahrenquelle, die, sollte in absehbarer Zeit nicht ein wirksamesMedikament gefunden werden, wohl zurecht mit den Folgeschädenatomarer Störfälle oder des Ozonlochs verglichen werden kann. DieBedeutung des Phänomens Aids zeigt sich unter anderem in dergroßen Aufmerksamkeit, die die Medien allen Facetten der neuen
1 Susan Sontag, Aids und seine Metaphern. Aus dem Amerikanischen von HolgerFliessbach. München, Wien 1989, S. 91.