Jahrgang 
96 (1993) / N.S. 47
Seite
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1993, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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schenden Konsequenzen der Methode: Es lohnt sich doch von Zeit zu Zeit,die Blickrichtung zu wechseln, auch wenn das im selben Augenblick eigent-lich schon nicht mehr möglich ist.

Bernhard Tschofen

Gerhard SCHULZE, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Ge-genwart. Frankfurt am Main/ New York, Campus Verlag, ³1993, 756 Seiten.

Wie die Gegenwartskultur funktioniert und warum sie so aussieht, wie sieuns sich darbietet, ist eine der spannendsten Fragen der Kulturwissenschaft.Es ist zugleich eine der Fragen, bei der jede volkskundlich orientierteWissenschaftspraxis auf soziologische Hilfestellung angewiesen ist. Daswar in den achtziger Jahren so, als Die feinen Unterschiede. Kritik dergesellschaftlichen Urteilskraft des französischen Ethno- Soziologen PierreBourdieu neue Zugänge zur Erforschung der Denk- und Lebensgewohnhei-ten der gewandelten Gesellschaften des Konsumzeitalters in Diskussionbrachten; und das wird auch in den nächsten Jahren so bleiben, weil mit demhier zur Besprechung stehenden Band wieder ein Entwurf vorliegt, derzumindest nicht zu negieren sein wird.

Gerhard Schulze hat Großes vor. Das signalisieren nicht nur der inzwi-schen zum Schlagwort gewordene Titel mitsamt seinem nicht wenig an-spruchsvollen Untertitel, sondern auch die Grundsätzlichkeit, welche derAutor seiner Arbeitsweise zugrundegelegt wissen will. Manches davon magein Schielen in Richtung Absatzzahlen verraten und manches klingt gar zusehr nach Klappentext- Duktus: Schulze glaubt, daß man Bourdieu nicht nurkonsequent anwenden, sondern auch konsequent vergessen müsse. Ich neh-me an, daß er in Wirklichkeit sehr gut weiß, daß letztlich nicht eine seinerThesen ohne das Bourdieusche Paradigma möglich wäre, und daß er auchweiß, daß selbst seine empirischen Grundlagen und seine Alltagswissentransportierenden Beobachtungen zur Gegenwartskultur an den Bourdieu-schen Kategorien von Lebensstil, Geschmack und Habitus geschärft wordensind.

Ansonsten verlangt freilich gerade die Grundsätzlichkeit, mit der Schulzeans Werk geht, Respekt. Obwohl mit einer Diagnose, die zugleich These ist( Ästhetisierung des Alltagslebens), beginnend, werden die einzelnen Kapitelausführlich eingeführt und hergeleitet. So gewinnen die- gelegentlich etwasübertrieben anmutenden- Definitionen Schritt für Schritt an Terrain. Schul-ze widmet etwa der Beschreibung alltagsästhetischer Schemata in derBundesrepublik Deutschland breiten Raum und arbeitet konkret drei derar-tige Zeichengruppen heraus: ein Hochkultur-, ein Trivial- und ein Span-